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Anne Haeming
Im unwegsamen Gelände

Einblicke Eine Künstlerin, ein Computerspiele-Erfinder und ein Historiker über ihre Arbeit in der »Hauptstadt der Kreativen«

Willst Du einen Kaffee?" Ulrike Mohr beugt sich zu dem jungen Mann, der auf dem Boden liegt und mit einem Teppichmesser filigrane Aufkleber von einer Folie abzieht. "Ich muss mich doch um meine Helfer kümmern", sagt die Künstlerin, "sie machen das ja alles kostenlos."

Ulrike Mohr steht zwischen 50 kleinen Aquarien voller Wasser im Kunstraum Kreuzberg. Sie baut ihre Installation auf, Teil einer Gruppenausstellung über das Verhältnis von Mensch und Tier, abends ist Vernissage, die Zeit wird knapp. Die Aufkleber müssen noch aufs Aquariumglas, als Beschriftung. Sie haben die Form von 50 Seen und Flüssen rund um Berlin, die die 39-Jährige in den vergangenen Tagen abgefahren ist. Sie hat Wasser gesammelt, bei Temperaturen unter 10 Grad Celsius, jetzt schwimmen die Berliner Gewässer in Zwölf-Liter-Portionen nebeneinander gereiht im Museum. Manche sprudeln vor Sauerstoff, andere sind grüntrüb, in einigen liegen kleine Äste, irgendwas bewegt sich. Wasser als menschliches Lebensmittel, Zuhause vieler Tierarten, und das Aquarium als Ort, an dem wir Menschen uns Tiere im Haus halten - ein Gegenüber. Das ging Ulrike Mohr durch den Kopf, als sie ihr Werk vorbereitete.

Ortsspezifische Werke

Arbeiten ohne Geld dafür zu bekommen - wer wie Ulrike Mohr ortsspezifische Kunst macht, Installationen, Projekte, hat auf dem Kunstmarkt eine andere Ausgangsposition als alle, die Bilder oder Skulpturen schaffen. Ihre Herangehensweise ist geografisch, kartografisch und historisch gleichermaßen, wissenschaftliche Recherche gehört dazu. Sie hat schon Kiefern in Armeeformation aufgestellt; Bäume, die im zerfallenden Palast der Republik wuchsen, auf eine Mauerbrache gepflanzt; und im vergangenen Jahr, als sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bauhaus-Universität Weimar angestellt war, die "Weimarer Störung" nachgezeichnet, eine Gesteinsverschiebung. Sie will Verborgenes, Vergessenes ins Bewusstsein zurückholen. Vehement wehrt sie sich gegen die Vorstellung, ortsspezifisch entstandene Arbeiten wie ihre seien unverkäuflich. "Es gibt ja auch immer Dokumentationen des Werks, Fotos, die sind Teil der Arbeit - und erwerbbar."

Sie sagt auch: "Die große Kunst ist, ein Projekt mit einem anderen gegenzufinanzieren." Das eine Stipendium ist vorbei, dann kommt das nächste, so lief es bei ihr bislang. Sie findet, sie hat Glück gehabt. Schon während ihres Bildhauerei-Studiums an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee haben die Professoren darauf gepocht, dass sie sich und ihre Arbeiten an der Realität testet, Ausstellungen organisiert.

Radikale Lebensform

Bei ihr laufen immer mehrere Projekte gleichzeitig, etwa zehn übers Jahr verteilt: Aus dem einen wird etwas, aus dem anderen nichts, oder erst später. "Einer hat mal ausgerechnet, wie viel Zeit dabei für Akquise draufgeht, dafür, Verträge aufzusetzen oder Kontakte zu Museen und Galerien zu pflegen", erzählt sie. "Das waren 80 Prozent!" Für sie ergeben sich aus Gruppenausstellungen wie dieser in Kreuzberg oder Stipendienaufenthalten neue Netzwerke, neue, bezahlte, Projekte. So hat sie schon Aufträge für Kunst am Bau bekommen, oder ist, wie im Sommer, für fünf Wochen mit einer Ausstellung in Los Angeles präsent.

Das Finanzierungsmodell von vielen Künstlern ist mit zwei Wörtern umschrieben: Prekäres Patchwork. Dass im vergangenen Sommer die Richtlinien der Arbeitslosenversicherung an die Berufsrealität der freischaffenden Künstler angepasst wurden, war "lange überfällig", findet Ulrike Mohr. "Viele Kollegen haben sich angemeldet, und alle sind sehr froh." Und gottseidank gebe es die Künstlersozialkasse, wo sich selbständige Kreative krankenversichern können, "sie abzuschaffen wäre für uns eine existentielle Katastrophe".

"Klar merken wir, dass überall die Mittel gestrichen werden", sagt sie. Bei vielen Kunstfonds darf man sich nur noch alle zwei, drei Jahre bewerben, Altersbeschränkungen werden eingeführt, "das ist Wahnsinn", findet Mohr. Auch wenn bei den meisten nach wie vor die Kunst im Vordergrund steht, sind viele mittlerweile "nur am Rechnen". Am Existenzminimum zu leben, das ist für sie normal, all ihren Künstlerfreunden geht es auch so und immerhin: "In Berlin geht das ja sogar", das Leben in einer anderen Stadt wäre unlebbar.

Mal ehrlich, meint Mohr zwischendurch, als sie auf dem Boden sitzt, die Beine in den grauen Stiefeln dicht an den Körper gezogen, einen anderen Beruf hätte sie nie gewollt. Sie sieht ein wenig müde aus, in drei Stunden ist Eröffnung, sie braucht noch einen Kaffee. Sie weiß: "Es ist eine radikale Lebensform."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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