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Anne Haeming
Kurz notiert

Manchmal ist die Realität subversiver als jede Fiktion. Da ist dieser große kastige Bau, das Eingangsportal in der Mitte, zwei ausladende Gebäudeflügel rechts und links. Er steht in einer Seitenstraße am Berliner Volkspark Friedrichshain, in den 1930er Jahren war er Sitz der NSDAP-Zentrale Ost-Berlins. Und ausgerechnet hier residiert heute die "Vergangenheitsagentur".

Reiner Zufall, sagt Alexander Schug und schiebt sich seine Woody Allen-Brille zurecht. Der 36-jährige promovierte Historiker hat sich mit seiner Agentur darauf spezialisiert, die Geschichte von Firmen, Institutionen und Vereinen zu recherchieren - und aufzuschreiben. Und dazu gehört auch oft, deren NS-Vergangenheit aufzudecken.

"Wir mussten unseren Beruf selbst erfinden", sagt Schug und meint damit sich selbst und den Mitgründer Hilmar Sack. Der einstige Kompagnon ist nun nur noch für einzelne Projekte mit an Bord. Beide ahnten, dass sie fürs klassische Archivarendasein nicht geschaffen waren. "Ich passte nicht ins Raster definierter Berufe", sagt Schug, er arbeitete in PR-Agenturen, im Journalismus, in Museen - alles nicht sein Ding. Die Magisterarbeit, eine historische Aufarbeitung einer deutschen Werbeagentur, öffnete ihnen die Augen: Sie hatten ihre Marktlücke gefunden.

Vergangenheit als Marke

"History Marketing", nennt Schug seine Arbeit: die Vergangenheit für Werbezwecke nutzen. "Wer auf 100 Jahre Qualitätsarbeit verweisen kann, schafft Vertrauen und schärft gleichzeitig das Markenprofil", erklärt er den Mehrwert dokumentierter Unternehmenshistorie.

In den USA gibt es den Dienstleistungszweig "History Marketing" schon seit einigen Jahrzehnten, in Deutschland kam diese Branche erst mit der Zwangsarbeiter-Debatte in den 1990er Jahren ins Laufen. Damals standen deutsche Unternehmen und Institutionen im Zentrum öffentlicher Diskussionen um ihre Rolle während des Nationalsozialismus. Viele mussten ihre Unternehmensgeschichte neu schreiben, Transparenz schaffen stand bei vielen auf einmal hoch im Kurs. Auch eine Imagefrage. "Davon haben wir profitiert", sagt Schug.

Wenn es gut läuft, heißt das, dass er Aufträge hat für ein, zwei, drei größere Projekte, für zwei, sechs, zwölf Monate. Brot für die Welt steht auf seiner Referenzliste, Banken, Brauereien, Lebensmittelkonzerne, auch ein Archiv für den Palast der Republik hat er aufgebaut; im Herbst 2009 kam als Spin-Off noch der "Vergangenheitsverlag" dazu. Wie viel Umsatz er macht, möchte er nicht sagen, nur so viel: "Ich verdiene besser, als wenn ich einen Job im Museum angenommen hätte". 60-Stunden-Wochen sind die Regel, er arbeitet nachts, an Wochenenden. Man kann sagen, sein Berufsalltag ist ein Paradebeispiel für das, was oft "Entgrenzung der Arbeitszeit" genannt wird.

Kein Interesse an Förderung

Angefangen hat alles in kleineren Dimensionen, "es war ein schleichendes Gründen", wie Schug es formuliert. Ihre Doktorandenstellen waren für sie eine Art Gründungszuschuss. "Wir hatten nicht einmal einen Businessplan." Und als Schugs Wohnung eines Tages aus allen Nähten platzte, weil ein Unternehmen auf einen Schwung 20 Kartons voller Aktenordner geschickt hatte, war klar: Die Werbechefs großer deutscher Firmen in der eigenen Einzimmerwohnung zu empfangen, das geht nicht mehr. Mit seinen vier festen Mitarbeitern und den beiden Praktikanten teilt er sich nun die drei Büroräume, die die Agentur in dem geschichtsträchtigen Gebäude gemietet hat, und eine Archivkammer gibt es obendrein. Ein Ikeasofa, ein Nierentisch, Tischplatten, die sich an der Wand entlang ziehen, ein Mikrofon für Aufnahmen, eine Flipchart: Alles wirkt ein wenig provisorisch zusammengewürfelt, überhaupt nicht durchgestylt, wie es das Berliner Gründerklischee so will.

Und noch etwas ist ungewöhnlich: "Fördermittel, Kulturfonds und dergleichen haben für uns noch nie eine Rolle gespielt", sagt Schug. "Es ist mir schlicht zu aufwendig, all die Anträge zu formulieren - in der Zeit schreibe ich zwei Bücher." Er hat sich dann aber doch noch helfen lassen: Von Beratern mit BWL-er Blick, ein Service des "Kreativ Coaching Center". Das Angebot, das unter anderem von der Investitionsbank Berlin finanziert wird, ist auf Kulturschaffende spezialisiert, die sich selbstständig machen, ihre Firmenideen verwirklichen wollen. Das Konzept hat Alexander Schug so überzeugt, dass er gerade an einem neuen Projekt sitzt: ein Buch mit Gründungstipps für die Kreativszene. Er weiß ja jetzt, wie es geht.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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