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Parlamentarisches Profil
Sandra Schmid
Vom Angreifer zum Verteidiger: Martin Lindner

Es soll nur ein rasches Mittagessen werden, danach erwarten ihn Fernsehjournalisten für ein Interview in seinem Büro: Martin Lindner, neuer technologiepolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, betritt schnellen Schrittes das Restaurant in der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft, bestellt das Tagesmenü und eine Cola. Der 45-Jährige trägt dunklen Anzug, hellblaues Hemd und Manschettenknöpfe. Die an der Stirn etwas lichter werdenden Haare sind sorgfältig zurückgekämmt. Nach der Wahl im September ist der in Grünwald bei München geborene Rechtsanwalt zwar erstmals in den Bundestag eingezogen, doch an medialer Aufmerksamkeit mangelt es nicht: In nur vier Monaten war er in acht Talkshows im deutschen Fernsehen zu Gast. Ob er für einen Umbau im Gesundheitssystem hin zu mehr Eigenvorsorge plädiert oder wie zuletzt fordert, die Hartz-IV-Sätze zu kürzen - es sind gerade Lindners markige Worte, die ihn zu einem gefragten Gesprächspartner für die Medien machen.

"Ich polarisiere gern", sagt er offen, während er zusieht, wie sein Essen serviert wird. "Die Bürger müssen doch Alternativen im politischen Spektrum vorfinden. Es ist sogar fatal, wenn man versucht, Unterschiede zu verwischen. Das führt doch nur dazu, dass die Menschen nicht mehr zur Wahl gehen oder sogar radikale Parteien wählen." Geradeheraus, offensiv, bisweilen auch scharfzüngig - dass er redegewandt ist, hat Lindner bereits als Abgeordneter des Berliner Abgeordnetenhauses bewiesen. Sieben Jahre führte er die FDP, die kleinste der Fraktionen im Berliner Landesparlament. Trotzdem galt er in den Medien oft als "heimlicher Oppositionsführer". Tatsächlich gelang Lindner das Kunststück, der lange schwächelnden Berliner FDP den Wiedereinzug ins Abgeordnetenhaus zu sichern. Das war der Partei seit den 1980er Jahren nicht mehr gelungen.

Trotz dieses Erfolgs - seinen Start ins Politikerleben hat er nicht als einfach in Erinnerung behalten: "Kälter konnte das Wasser nicht sein, in das ich gesprungen bin", sagt Lindner. Erst 1996 hatte sich der Bayer nach dem Jurastudium in Berlin als Anwalt niedergelassen und war 1998 in die FDP eingetreten. Doch nach der Wahl ins Abgeordnetenhaus 2001 war er, der parlamentarische Novize, plötzlich Fraktionschef. "Das war schon drastisch. Ich hatte ja schließlich keine Regieanweisung ,Mein erster Tag als Fraktionsvorsitzender' in der Schublade." Doch Lindner biss sich durch: Profilierte sich, knüpfte schnell Kontakte in der Stadt, organisierte die Fraktion. Nach sieben Jahren war der vormals jüngste Fraktionsvorsitzende in einem Landesparlament der dienstälteste geworden. Die Zeit war reif für etwas Neues: Lindner kandidierte für den Bundestag. Inzwischen ist er, der vor seinem Studium eine Ausbildung als Industriekaufmann bei Siemens absolvierte, als technologiepolitischer Sprecher seiner Fraktion auch für Fragen der Außenwirtschaft zuständig. Sein Ziel: "Unseren Technologie-Unternehmen muss es erleichtert werden, ihre Produkte auf den Markt zu bringen und zu exportieren", erklärt Lindner. Lange habe man bei Neuerungen vor allem die Risiken gesehen: "Ich denke, wir haben das Optimum an Verfahrensicherheit und Produktsicherheit längst überschritten." Hier spricht ein parlamentarischer Routinier.

Tatsächlich scheint sich der Start im Bundestag für Lindner weitaus weniger holprig zu gestalten als damals im Landesparlament. Zwar habe er lernen müssen, dass man im Bundestag bei Fragen aufsteht und auch die Antwort stehend entgegennimmt, erzählt Lindner schmunzelnd. Doch schwieriger sei die Gewöhnung an die neue Rolle als Koalitionspolitiker: "Als Mitglied einer kleinen Oppositionspartei muss man vor allem verbal Spuren setzen, um wahrgenommen zu werden. Gehört man aber einer Regierungspartei an, muss man deren Politik verteidigen - selbst wenn man nicht jedes Detail dieser Politik persönlich richtig findet." Das sei eine völlig andere Rolle. "Und es ist neu für jemanden, der mit Profession und Liebe angreift, plötzlich die Verteidigerrolle zu übernehmen." Doch auch wenn Lindner weiterhin die gelegentliche Provokation schätzt, er wird sich sicherlich an diese neue Rolle gewöhnen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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