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AUFGEKEHRT
Götz Hausding
Ick glob, ick spinne

Seit neustem fährt er wieder - unser Michael Schumacher, der Held des Imkreisfahrens, der Rasende, der Getriebene, der Perfektionist. Kurzum: das Vorbild aller motorisierten Deutschen. Den Einstand in die neue Rennsaison hat er aber gleich mal vermasselt. Nahezu hinterhergeschlichen ist er den Topfahrern. Ist die Schumi-Euphorie auch fürs erste gebremst, zeigt sich doch vielleicht dadurch ein Trend an: Es geht auch langsamer. Wenn es nach dem Berliner Senat geht, sogar sehr langsam. Tempo 30 in den deutschen Innenstädten ist das Ziel einer in Kürze zu erwartenden Bundesratsinitiative. Nur auf extra ausgezeichneten Hauptverkehrsstraßen soll weiter das "Rasen" mit 50 Kilometer pro Stunde möglich sein.

Es lässt sich nun trefflich darüber spekulieren, was die Hauptstädter zu diesem revolutionären Schritt getrieben hat. Zum einen könnte es die ewig klamme Haushaltslage in Berlin sein. Ein flächendeckendes Tempolimit verbunden mit einem rasanten Anwachsen der Blitzeranzahl könnte zu erheblichen Einnahmesteigerungen führen. Andererseits nimmt man von Behördenseite vielleicht nur vorweg, was eh passieren würde: Angesichts der Schlagloch-Dichte im maroden Straßennetz ist es im Interesse der Langlebigkeit des eigenen Fahrzeuges ohnehin nicht angeraten, schneller als 30 Stundenkilometer zu fahren. Wie auch immer - das Bundesverkehrsministerium hat schon mal abgewunken. Einen Bedarf für derartige Neuregelungen sieht man nicht.

Wenn die Berliner ihr Projekt auf eigene Faust durchziehen wollen, darf durchaus mit Widerstand gerechnet werden. Als in den 1980er Jahren Tempo 100 auf der Berliner Avus eingeführt wurde, gab es massenhafte Proteste - symbolisiert durch den Aufkleber: "Tempo 100? Ick glob, ick spinne." Es sei denn, Klaus Wowereit gelänge es, unseren "Langsamfahr-Schumi" als Schirmherr der Aktion zu gewinnen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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