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Helmut Stoltenberg
Wider den eigenen Bedeutungsverlust

PARTEIEN In seiner Grünen-Chronik übertreibt Ludger Volmer die subjektive Geschichtsschreibung

Ludger Volmer war einmal eine wirklich wichtige Größe bei den Grünen. Ab April 1991 stand das Gründungsmitglied der Partei deren Bundesvorstand vor: Im Streit zwischen Fundis und Realos als Vertreter der gemäßigten Linken geltend, machte er sich um die Integration der zerstrittenen Partei verdient, managte die Fusion mit dem ostdeutschen Bündnis 90 und konnte schließlich den Wiedereinzug in den Bundestag feiern, aus dem die West-Grünen 1990 rausgeflogen waren. Als er Ende 1994, erneut mit einem Bundestagsmandat ausgestattet, den Platz an der Parteispitze räumte, hatte er sich dort mehr als dreieinhalb Jahre gehalten - länger als alle seine Amtsvorgänger. Nach dem Regierungswechsel 1998 fand sich der Sohn eines CDU-Abgeordneten bis 2002 als Außenamts-Staatsminister in der zweiten Reihe der Grünen-Führungsriege wieder; 2005 schied er dann auch aus dem Bundestag aus, in dem er 20 Jahre zuvor erstmals Platz genommen hatte.

Wahrer Insider

Der Mann darf also als wahrer Insider der Grünen-Geschichte gelten, und entsprechend hohe Erwartungen durfte man an sein Buch "Die Grünen" stellen, das er zum Anfang 2010 gefeierten 30. Geburtstag der Partei veröffentlicht hat. Tatsächlich listet Volmer nicht nur akribisch all die Strömungsverästeltungen auf, die bei den Grünen mehr oder minder wirksam geworden sind, beschreibt den Werdegang der Partei von der Gründungsphase über die Zeit der selbstzerfleischenden Flügelkämpfe bis hin zu den rot-grünen Regierungsjahren und darüber hinaus und lässt dabei eine Fülle bekannter und unbekannterer Akteure Revue passieren. Dabei erfährt der Leser auch manches, das man so bisher noch nicht wusste: Etwa, dass Otto Schily 1983 seinen politischen Aufstieg laut Volmer - Volmer zu verdanken hat, der damals in einem "Kreis von fünf informell führenden Leuten" die "entscheidende Prostimme" für Schilys erfolgreiche Platzierung auf der NRW-Landesliste beigesteuert haben will.

Verzerrte Sicht

Eine "subjektive Chronik" der wichtigen Parteientwicklungen kündigt Volmer im Vorwort an, "durchwirkt von eigenen Erlebnissen und Bewertungen". "Subjektiv" ist seine Darstellung in der Tat, was zunächst kein Fehler sein muss. Dass ein Autor dabei das eigene Wirken in möglichst hellem Licht strahlen lassen wird, ist legitim und darf vom Leser getrost vorausgesetzt werden. Bei Volmers Darstellung indes verzerrt die eigene Sicht der Dinge aber bisweilen den Ablauf des Geschehens derart, dass sich der mit Erinnerungsvermögen ausgestattete Leser dabei geradezu für dumm verkauft vorkommen muss.

So mag man es noch hinnehmen, dass etwa die Schilderung der Parteigründung in Karlsruhe im Januar 1980, die ohne Volmer stattfand, in dem fast 500 Seiten starken Buch nicht viel länger abgehandelt wird als die Aufstellung der nordrhein-westfälischen Landesliste der Grünen zur Bundestagswahl 1986, bei der er nur auf Platz zehn kam und deshalb nach gerade halbjähriger Amtszeit den Chefsessel der Bundestagsfraktion wieder räumte. Wenn Volmer aber beispielsweise aus seiner Zeit im Auswärtigen Amt über den Ausgang der 2001 geführten Auseinandersetzung um die militante Vergangenheit seines Ressortchefs lediglich berichtet: "Zwei ganze Bundestagsfragestunden lang musste ich Joschka Fischer gegen die Anwürfe verteidigen. Dann hatte er es geschafft", fragt sich der Zeitzeuge doch verdutzt, ob damals nicht mehr Leute auf der Bühne standen als nur Held Ludger: Musste nicht am 17. Januar 2001 der reuige Außenminister und einstige Steinewerfer selbst der Opposition Rede und Antwort stehen in einer Fragestunde, die vielen Betrachtern noch Jahre später als parlamentarische Sternstunde im Gedächtnis bleiben sollte? Und warf sich nicht gar der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in der anschließenden Bundestagsdebatte kämpferisch für seinen Vize in die Bresche? Volmers Darstellung ist hier nicht einfach nur verkürzt, sondern verfälscht das reale Geschehen im Bemühen, das eigene Tun aufzuwerten.

Eigene Erhöhung

Dieses Bemühen lässt sich in dem Buch immer wieder finden: Schreibt Volmer etwa von seinen Jahren an der Parteispitze, firmiert er zumeist als "Vorsitzender", obgleich die Grünen damals noch lediglich "Sprecher des Bundesvorstandes" in dem Amt kennen wollten. Seine Nachfolger in der Parteiführung wie etwa Reinhard Bütikofer, die sich dagegen - seit einem Parteitag im Jahr 2000 - ganz offiziell "Vorsitzende" der Grünen nennen durften, degradiert Volmer indes fast durchgehend zu "Sprechern": Die Abwertung der anderen korrespondiert mit der eigenen Erhöhung.

Damit relativiert und entwertet Volmer auch seine gern in Frageform vorgetragene Kritik an den aktuellen Grünen, die er auf dem Weg zur bloßen "Funktionspartei der Mitte" wähnt, wenn sie nicht ihren "grundsätzlichen gesellschaftlichen Veränderungsanspruch" beibehalten, und deren bürgerliches Selbstverständnis in seinen Augen den Blick von "grundlegenden Strukturdefekten der Gesellschaft" ablenkt. Unter dem Strich bleibt beim Leser doch das Gefühl zurück, dass hier ein vom Liebesentzug seiner Partei Enttäuschter und Gekränkter räsoniert, ein Mann, der nach eigenem Bekunden seit Schröders Vertrauensfrage von 2005 "keine einzige grüne Versammlung mehr besucht hat" und nun den Frust über den eigenen Bedeutungsverlust zu kompensieren versucht.

Ludger Volmer:

Die Grünen. Von der Protest-bewegung zur etablierten Partei. Eine Bilanz.

C. Bertelsmann, München 2009; 480 S., 24,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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