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Christoph Birnbaum
Dialoge unter Wölfen

HESSEN Der Journalist Volker Zastrow hat einen wahren Politkrimi über die von Andrea Ypsilanti angestrebte Koalition der SPD mit den Linken vorgelegt - und die Vereitelung durch vier Landtagsabgeordnete

Kennt man ihre Namen heute noch? Wer waren Dagmar Metzger, Silke Tesch, Carmen Everts und Jürgen Walter noch gleich? Damals, im November 2008, waren sie in aller Munde. Aber heute? Vergessen! Zumindest außerhalb Hessens. Doch ihre Weigerung, Andrea Ypsilanti mit Duldung der Linkspartei in einer rot-grünen Minderheitsregierung zur hessischen Ministerpräsidentin und zum Nachfolger von Amtsinhaber Roland Koch zu wählen rückte sie für einen kurzen Augenblick in den Mittelpunkt des politischen Geschehens. Ihre Namen wurden Geschichte. Denn der Kampf um die Frage - soll und darf die hessische SPD trotz anderslautender Aussagen vor der Wahl mit der Linkspartei zusammengehen, um eine Regierung zu bilden? - wuchs sich zu einem der schrecklichsten innerparteilichen Kämpfe der deutschen Nachkriegsgeschichte aus. Und diese Geschichte, die wie keine zweite - vielleicht mit Ausnahme der Hartz-IV-Diskussion - die innere Zerrissenheit der SPD offenbart, beschäftigt die Öffentlichkeit bis heute.

Volker Zastrow, Politikchef der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", hat den Polit-Dissidenten auf 400 Seiten ein politisch-literarisches Denkmal gesetzt. Es reicht weit über den Tag hinaus. Für die Öffentlichkeit nahm und nimmt der Kampf der Vier bis heute geradezu symbolhafte Züge an, denn es schien um Lüge und Glaubwürdigkeit im politischen Handeln zu gehen. Diesen Kampf erforscht Zastrows Buch von Grund auf, und es erzählt ihn in wesentlichen Zügen neu, so wie die Öffentlichkeit ihn bisher nicht gekannt hat.

Schwächen und Stärken

Wer sind die Vier? Was trieb sie an? Akribisch hat Zastrow recherchiert und am Ende gleich vier verschiedene politische Psychogramme beschrieben - sensibel, schonungslos und vor allem spannend. Denn sein Buch liest sich wie ein Politkrimi, keinesfalls aber wie eine Heldengeschichte von vier aufrechten Gesinnungstätern. Ganz im Gegenteil. Es ist eine minutiöse Milieu- und Personenschilderung, bei der Zastrow nichts erfindet, aber sein Material mit Meisterhand arrangiert. Der Autor zeigt die handelnden Personen dabei mit all ihren Schwächen, persönlichen - privaten wie beruflichen - Tragödien und Irrtümern, ihrem Mut und ihrer Gewissensstärke. Und er zeigt, wie erratisch Politik bisweilen an der Basis funktioniert. Und vor allem auch wie intrigant. Denn das ist eine der Hauptlehren, wenn man Zastrow liest: "Die phantastischen Vier", wie sie die FAZ damals betitelte, waren alles andere als "phantastisch". Auch wer sich nur sehr bedingt für die "hessischen Verhältnisse" interessiert, kann hier eine erschütternde Darstellung über unseren heutigen Politikbetrieb und sein Personal lesen. Man erfährt viel über den kaum erträglichen Druck, dem die vom Volk gewählten Abgeordneten seitens der politischen Nomenklatura ausgesetzt wurden, über ihr Leben, über ihre Auffassung des Abgeordnetenberufs, über ihre Partei, ihren Umgang mit dem Ruhm und ihr Angefeindetsein.

Es ist diese Innenansicht von Politik, die fasziniert. Am besten beschreibt dies zum Beispiel ein so unscheinbarer Satz, den Zastrow über ein Treffen von Silke Tesch mit Roland Kochs Regierungssprecher Dirk Metz schreibt: "Das Gespräch war eines von denen, wie sie in der Politik üblich sind: Dialoge wie unter Wölfen, wo Neugier und Vorsicht so dicht beisammensitzen wie Nase und Zähne." Es sind diese Urteile, en passant gefällt, die zeigen, wie tief Zastrow als langjähriger politischer Journalist bis in die letzten Verästelungen des politischen Betriebs vorgedrungen ist. Und das alles liest sich dabei auch noch wie hohe Literatur, beispielsweise wenn der Autor am Ende das Schicksal der vier Abtrünnigen in ihrer eigenen Partei beschreibt. Es sei "eine Geschichte ihrer Vereinsamung, ein Schwanengesang von Isolation, Schweigen und Gewissensnöten". Ja, so war es wahrscheinlich auch wirklich, denn für alle Beteiligten bedeutete dieser Schritt nicht nur ihr politisches Ende, sondern auch ihr berufliches als Abgeordneter.

Dies alles gipfelte nach der "historischen" Pressekonferenz in der Odyssee kreuz und quer durch Deutschland, die die drei Frauen unternehmen, um im Ferienhaus von Dagmar Metzgers Schwiegereltern in der Schweiz Distanz zu dem über sie hereinbrechenden Mediensturm zu suchen. Sie kommen am Ende aber nur bis Regensburg. Mehr soll hier an dieser Stelle nicht verraten werden.

Inidividuelle Motive

Jeder der Vier hatte seine eigenen, nicht immer ganz lauteren Motive, Andrea Ypsilanti die Stimme zu verweigern. Zastrow geht teilweise tief in die Vergangenheit der Protagonisten zurück, in ihre Kindheit, die sich dann am dramatischsten Tag ihres Lebens so verwegen exponierten. Und auch Andrea Ypsilanti selbst, deren Entwicklung und Professionalisierung Zastrow äußerst scharfsinnig beschreibt, oder etwa Ralf Stegener, das "Krokodil" aus Schleswig-Holstein, das seinerzeit verdächtigt wurde, Heide Simonis den politischen Garaus gemacht zu haben, und einige andere Politiker werden als nicht frei von solchen Hintergedanken beschrieben.

Vor allem aber beschreibt Zastrow bis ins kleinste Detail reichende Bilder vom Betrieb in Politik, Parteien und Medien, dem Kommunikationschaos in den entscheidenden dramatischen Momenten, den umherschwirrenden Gerüchten, den vielen Missverständnissen und noch mehr Täuschungsmanövern in unendlichen Handy-Telefonaten, Mails und SMS.

Politik an der Basis

Zastrow schildert die Dynamik von Parteiversammlungen in Ortsgruppen - selten kann man die Kakophonie einer absehbaren politischen Katastrophe so akribisch nachlesen, wie hier. Selten erfährt man so authentisch, wie Politik an der Basis wirklich funktioniert. Denn der Autor hat mit den Beteiligten stunden- und tagelange Interviews geführt, Tausende Mails durchgesehen, sich SMS zeigen lassen, Aussagen verglichen und Ortstermine wahrgenommen. Nichts sei erfunden, selbst dann nicht, wenn er Gefühle und Gedanken der Handelnden wiedergebe, schreibt Zastrow am Ende.

Was sein Buch auszeichnet, ist somit der überaus scharfe Blick auf Parteiensoziologie, Gruppendynamik und Milieus. Das aber genau ist es, was den hessischen Mikrokosmos auch bis heute eine gewisse Allgemeingültigkeit zu verleihen scheint. Und das ist es auch, was "Die Vier" zu einem Buch macht, das weit über die Geschehnisse von damals in Hessen hinausreicht: der Umgang der Sozialdemokratie mit der Linken.

Erst vor kurzem hat Andrea Ypsilanti wieder Reden von sich gemacht, als sie zusammen mit Vertretern der Linkspartei in Berlin bekannt gab, eine "Denkfabrik" gründen zu wollen. Im Hessen-Wahlkampf 2008, hatte sie stest verkündet, "ihrer Zeit voraus zu sein". Volker Zastrow kontert nüchtern: "Gemeinhin bleibt ein solches Urteil der Nachwelt überlassen." Erst recht, wenn man dieses Buch gelesen hat.

Volker Zastrow:

Die Vier. Eine Intrige.

Rowohlt Berlin, Berlin 2009; 415 S., 19,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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