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Aschot Manutscharjan
Ein Held aus Amerika

USA Im Jahr 2004 fällt der Footballstar Pat Tillman in Afghanistan angeblich in einem Feuergefecht mit dem Feind. Doch in Wirklichkeit wurde der Soldat von eigenen Kameraden getötet. Jon Krakauer erzählt seine Geschichte

In ihrem Oskar-prämierten Kriegsfilm "Tödliches Kommando" zeigt Kathryn Bigelow, wie die Leiche eines amerikanischen Minenräumers im Irak zusammen mit seiner blutverschmierten gepanzerten Ausrüstung für den Transport in die USA in eine Holzkiste gelegt wird. Dabei handelt es sich nicht um eine makabre Idee der Regisseurin. Tatsächlich folgt sie lediglich den strengen Regeln der US-Army: Die in Auslandseinsätzen gefallenen Soldaten müssen in ihrer Uniform nach Hause transportiert werden, die sie bei der letzten Feindberührung trugen. Erst nach der Obduktion in den USA werden die Getöteten gesäubert, neu eingekleidet und ihren Angehörigen zur Bestattung übergeben. Entgegen diesen strengen Vorschriften wurde die Uniform von Ranger Pat Tillman, gefallen am 22. April 2004 während einer Patrouillenfahrt in Afghanistan, bereits am Einsatzort verbrannt.

Das Schicksal Tillmans nutzte das Weiße Haus zur Legendenbildung über einen typischen amerikanischen Helden. Allerdings hatten Präsident George W. Bush und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld Pech: ihr Konstrukt sollte sich schon bald als Lüge entpuppen. Derart in Erklärungsnöten versprachen sie rasche Aufklärung - als ob sie keine Ahnung von der Vertuschungsaktion gehabt hätten. Als Bush erfuhr, dass "die Tatsachen, von denen die Leute glaubten, dass sie stimmten, nicht stimmten", verlangte er eine "vollständige Untersuchung" des Ereignisses.

Untersuchungen

Sieben Kommissionen der Armee und ein Untersuchungsausschuss des Kongresses befassten sich mit dem Tod Tillmans. Während der Befragungen behauptete Rumsfeld mehrmals, dass er sich an die Einzelheiten des Falls nicht erinnern könne. Dabei hatte der Kommandeur des Joint Special Operations Command, General Stanley McChrystal, Rumsfeld und Bush aus Bagdad vorgewarnt: Sie sollten den Tod Tillmans als Geheimsache behandeln, um den Präsidenten vor "öffentlichen Peinlichkeiten" zu bewahren.

Im Zuge des zweiten Irak-Krieges verloren mehr als 4.000 US-Soldaten ihr Leben, über 1.000 GIs fielen bislang in Afghanistan. Warum verursachte also der Tod eines einfachen Spezialisten des 75. Ranger-Regiments so viel Wirbel? Warum schrieb der bekannte amerikanische Autor Jon Krakauer ein dickes Buch ausgerechnet über diesen 27 Jahre alten Mann?

Die meisten Europäer dürften mit dem Namen Pat Tillman keine Erinnerungen verbinden, in den USA jedoch bejubelte die Presse den jungen Star der National Football League als Urbild eines amerikanischen Patrioten. Denn der reiche Sportler nahm seine staatsbürgerlichen Pflichten ernst und wollte sein Land im Krieg gegen den Terror unterstützen: Anstatt einen 3,6 Millionen Dollar schweren Vertrag zu unterschreiben, meldete sich Tillman freiwillig für drei Jahre zur Eliteeinheit der Armee, den Rangers. In Krakauers Buch geht es um das Leben und den Tod dieses tragischen Helden.

Dabei herausgekommen ist allerdings ein in Teilen eher langweiliges Buch, insbesondere wenn es um die Sportlerbiografie geht. Da Krakauer jedoch auch Tillmans Briefe und Tagebücher auswertete, konnte er die militärische Ausbildung seines Helden und dessen Einsätze im Irak und in Afghanistan nachvollziehen. An diesen Stellen gelingt es Krakauer, viele der medial transportierten Eindrücke über beide Kriege zu korrigieren und eine hoch informative Geschichte zu erzählen.

»Friendly Fire«

Von den ersten 18 im Irak gefallenen US-Marines wurden 17 von den eigenen Kameraden getötet. Krakauers Buch ist eine Offenbarung für jeden Leser, der sich mit dieser für das Pentagon beschämenden Seite des Krieges beschäftigt. Die Methoden der Vertuschung des "friendly fire" beschreibt der Autor unter Einbeziehung sicherer Quellen. Kamen in Vietnam durch Freundbeschuss 39 Prozent der GIs um, sind es im Irak-Krieg 41 Prozent.

Ausführlich schildert der Autor die ersten Tage des Irak-Krieges. Spannend sind die bislang einer breiten Öffentlichkeit unbekannten Hintergründe der Befreiung der in Nasirija gefangen genommenen Private First Class Jessica Dawn Lynch, die in den US-Medien für Schlagzeilen sorgte. Weltweit wurde ihre medienwirksame Live-Befreiung durch US-Sondereinheiten aus einem irakischen Krankenhaus gefeiert. Organisiert hatte das Spektakel das Amt für strategische Einflussnahme, also die PR-Ab- teilung des Pentagons. Krakauer konnte nachweisen, dass die vom Weißen Haus lancierten Berichte über Jessica Lynchs grausame Gefangenschaft frei erfunden waren. Die Befreiungs-Show wurde nur inszeniert, um die Kriege im Irak und in Afghanistan der eigenen Bevölkerung schmackhaft zu machen und von den hohen Verlusten - auch unter den Zivilisten - abzulenken.

Neue Einsatzregeln

Tiefe Einblicke erhält der Leser in die Vorgehensweise der US-Truppen in Afghanistan. Besonders lesenswert sind die Berichte der Soldaten über Tillmans letzten Einsatz. Strengere Vorschriften, die den Gebrauch der Schusswaffe nur dann erlauben, wenn der Soldat den bewaffneten Feind deutlich sieht, führten dazu, dass die US-Armee in Afghanistan "nur" 13 Prozent Opfer durch Freundbeschuss zu beklagen hat. Aber kann man dieser Statistik glauben? Oder wurden die Zahlen manipuliert? Schließlich sollte die Wahrheit über Tillmans Tod vertuscht werden. Denn auch Amerikas Held wurde von seinen Kameraden getötet, die in Panik auf einen Mann in US-Uniform schossen, der ihnen zuwinkte.

Jon Krakauer:

Auf den Feldern der Ehre. Die Tragödie des Soldaten Pat Tillman.

Piper Verlag, München 2009; 446 S., 19,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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