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Jörg von Bilavsky
Die Relaisstation

Deutsche teilung Erkenntnisse und Erinnerungen zur Macht und Ohnmacht der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin

Bloß die Staatsmacht der DDR nicht provozieren - das war das Credo von Hans Otto Bräutigam als er im Dienste der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin stand. Der Hausherr in der Hannoverschen Straße wollte Honecker und der Stasi keinerlei Angriffsfläche bieten. Schließlich waren gutnachbarliche Beziehungen die Basis für die politische Verständigung und humanitäre Erleichterungen in den deutsch-deutschen Beziehungen. Bräutigam verteidigt in seinen Memoiren diese Strategie bis heute. Leise Zweifel daran übt Jacqueline Boysen in ihrer Dissertation über die Quasi-Botschaft. Bei aller Anerkennung des dort Geleisteten glaubt die Kulturkorrespondentin des Deutschlandradios, dass die Behörde die DDR eher stabilisiert hat und zu rechten Zeit durchaus Druck hätte ausüben können.

Allerdings sind Bräutigam und Boysen darin einig, dass die Ständige Vertretung kaum Einfluss auf die deutschlandpolitischen Weichenstellungen nahm und nehmen konnte. Sie war stets von den Einstellungen und Entscheidungen des jeweiligen Bundeskanzlers abhängig. Als "politische Relaisstation" fungierte sie zwischen Bundesregierung und Politbüro. "Die StäV hatte die Aufgabe ‚Hilfe und Beistand' zu leisten und einen Beitrag zur Normalisierung der Beziehungen auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet zu leisten", wie Boysen deren Auftrag treffend umreißt. Insofern darf man von den beiden Büchern keine fundamental neuen Erkenntnisse zur Deutschlandpolitik, wohl aber Genaueres zur Arbeitsweise und zum Alltag dieser ungewöhnlichen Bundeseinrichtung erwarten.

Genau darin liegt die Stärke von Boysens lebensweltlicher Perspektive, mit der sie die Gespräche über den Grundlagenvertrag, die täglichen Herausforderungen und Widrigkeiten für den Leiter und die Mitarbeiter der StäV beleuchtet.

Wenngleich sie über die neue Ostpolitik Brandts und den Austausch Ständiger Vertreter kaum Neues zu berichten weiß, machen die ausgegrabenen Details nochmals deutlich, wie hart Egon Bahr und der DDR-Diplomat Michael Kohl um den Wortlaut der Verträge gefeilscht haben. Dass es der DDR bei der Einrichtung einer "Botschaft" um internationale Anerkennung und der Bundesrepublik Deutschland vor allem um Erleichterungen für die Menschen in Ost und West ging, ist hinlänglich bekannt. Weniger bekannt dürfte sein, dass die Bundesregierung den DDR-Gesandten in Bonn das CD-Kennzeichen verwehrte und die Besoldung der StäV-Mitarbeiter eine andere war als in den westdeutschen Botschaften. Nichts sollte auf die Bestätigung der DDR als souveränen Staat hindeuten, zu dem man trotz aller Feinheiten dann doch "quasi-diplomatische Beziehungen" unterhielt.

Atmosphärische Darstellung

Boysens Buch gleicht denn auch mehr einer historisch-journalistischen Reportage als einer theoriegefütterten und forschungszentrierten Doktorarbeit. Zweifelsohne fördert das die Lesbarkeit ihrer vor allem aus Zeitzeugeninterviews, Akten des Auswärtigen Amtes und der Birthler-Behörde gespeisten Studie. Mit sprechenden Zitaten und atmosphärisch dichten Beschreibungen wird hautnah lebendig, wie die Mitarbeiter tagtäglich mit der Stasiüberwachung leben mussten oder westdeutsches Häftlinge oder Botschaftsflüchtlinge betreut haben. Auch über die Fluchthilfe, die Schmuggelgeschäfte und Spitzeldienste einzelner Beamter sowie die Konflikte zwischen den Ständigen Vertretern und den DDR-Emissären berichtet sie äußerst anschaulich. Mitunter reiht sie aber ein Ereignis an das andere und neigt wegen der wenig trennscharfen Gliederung nicht selten zu Wiederholungen.

Anhand zahlreicher Beispiele macht Boysen deutlich, dass die StäV "den Deutschen beiderseits der Mauer menschliche Erleichterungen und humanitäre Hilfe bringen konnte". Doch steht ihre Stabilisierungsthese auf wackligeren Füßen. Allein die faktische und praktische Anerkennung der Zweistaatlichkeit durch Günter Gaus und seine Nachfolger sowie die selbst auferlegte Zurückhaltung in Krisensituation sprechen nicht zwangsläufig für eine Festigung des SED-Staates. Allein die Rolle der Ständigen Vertretung als Anlaufstelle für ausreisewillige DDR-Bürger und als deutsch-deutsche Begegnungsstätte verunsicherte die sich abschirmende Nomenklatura und erzwang Kompromisse.

Für die Stasi sorgte allein schon ihre pure Existenz für Unruhe. Knapp 400 Mitarbeiter setzte sie auf das "Objekt" an, um potenzielle Spione und konterrevolutionäre Aktivitäten zu entlarven. Inwieweit die abgehörten Dienstgespräche und teils banalen Beobachtungen die Entscheidungen des Politbüros beeinflussten, vermag auch Boysen nicht genau zu klären. Wie ihr leider überhaupt die Stimmen der DDR-Herrschaftsriege fehlen, um die Bedeutung der StäV in den deutsch-deutschen Beziehungen umfassend einschätzen zu können. Auch der ein oder andere ehemalige Mitarbeiter aus dem Bundeskanzleramt oder dem Ministeriums für innerdeutsche Beziehungen hätte den Stellenwert der StäV für die politischen Akteure in Ost und West schärfer umreißen können. Nur so ließe sich die Frage nach der Stabilisierung oder Destabilisierung durch die StäV befriedigend beantworten.

Im Grunde aber ist dieser Aspekt nachrangig. Das Heft des Handelns hielt zu allen Zeiten die Bundesregierung in der Hand, besonders während der Wiedervereinigung. Einer erneuten historischen Beweisführung hätte es angesichts der Fülle deutschlandpolitischer Studien kaum bedurft. Wohl aber eines intensiveren Blicks auf die westdeutschen Korrespondenten in Ost-Berlin, deren systemstabilisierende oder systemgefährdende Rolle Boysen leider nur andeutet. Hier hätte die gelernte Journalistin wirklich neue Forschungspfade betreten können und die Frage nach der Stabilisierung größere Relevanz besessen.

Keine Geheimnisse

Nach der Lektüre der kurzweiligen aber wenig inspirierten Dissertation erwartet man von Bräutigams Memoiren aufschlussreiches Insiderwissen oder eine persönliche Sicht auf die Jahre in Ost-Berlin. Doch weder das eine noch das andere möchte oder kann der Jurist preisgeben. Auch in seinen Erinnerungen bleibt der heute 79-Jährige ein Diplomat vom Scheitel bis zur Sohle. Keine Indiskretion, kein Geheimwissen, kaum ein privates Wort oder politisches Bekenntnis, das zu überraschen oder ein neues Licht auf die deutsch-deutsche Geschichte zu werfen vermag. Sieht man einmal davon ab, das ihm als Diplomat das Fotografieverbot an der Mauer nicht bekannt war und er sich darüber wundert, dass DDR-Bürger keinen Kontakt zu den sowjetischen Soldaten aufnahmen.

Was Bräutigam aus seiner Zeit als Leiter der politischen Abteilung, später als deren offizieller Repräsentant, zu erzählen hat, sind zumeist bekannte historische Fakten, die er mit protokollarischer Genauigkeit und Neutralität wiedergibt. Über Details amtsinterner Gespräche und Verhandlungen schweigt er sich aus. Freilich macht der parteilose Diplomat keinen Hehl aus seiner Bewunderung für Brandts ideologiefreie Ostpolitik, der er sich wie Gaus verpflichtet gefühlt hat. Das verwundert ebenso wenig wie die Rechtfertigung seiner pragmatischen Amtsführung, die ihn selten in Konflikt mit seinen Bonner Dienstherren und den OstBerliner Funktionären gebracht hat.

Wie sein ganzes Wesen ist auch seine Sicht auf die Vergangenheit auf Analyse und Ausgewogenheit bedacht. Als pflichtbewusster Beamter rechtfertigt er denn auch seine strategische Zurückhaltung gegenüber Ausreisewilligen und der DDR-Opposition, weil er sie durch Einmischung in die inneren Angelegenheiten der DDR nicht hatte gefährden wollen. Das ist ebenso glaubwürdig und nachvollziehbar wie die Tatsache, dass er den Zusammenbruch weder hätte vorhersagen noch beschleunigen können.

Bräutigams Erinnerungen und Boysens Erkenntnisse lehren, dass die Menschen im Westen die Menschen im Osten seit den 1970er Jahren kaum noch wahrgenommen haben. Im 20. Jahr der Wiedervereinigung sollte dieses historische Versäumnis nachdenklich stimmen.

Jacqueline Boysen:

Das "weiße Haus" in Ost-Berlin. Die Ständige Vertretung der Bundesrepublik bei der DDR.

Ch. Links Verlag, Berlin 2010; 336 S., 29,90 €

Hans Otto Bräutigam:

Ständige Vertretung. Meine Jahre in Ost-Berlin.

Hoffmann und Campe, Hamburg 2009, 480 S., 23 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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