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Susanne Kailitz
Ort schmerzhafter Fragen

NS-Geschichte Eröffnung der Topographie des Terrors

Wirklich daran geglaubt hatte Andreas Nachama nicht mehr, dass er nach jahrelangem Provisorium irgendwann ein neues Büro beziehen würde. Umso zufriedener ist der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors mit dem Gebäude, das am 6. Mai offiziell eingeweiht wurde. "Der Bau ist sehr zweckmäßig und nüchtern. Hier kann man gut arbeiten." Die Hoffnung auf den Neubau nicht aufzugeben, habe "viel Optimismus" verlangt.

Ganze 23 Jahre hat es gedauert, bis das Projekt zur Dokumentation und Aufarbeitung des nationalsozialistischen Terrors umgesetzt werden konnte. Auf dem Gelände hatten sich im Dritten Reich das Hauptquartier der Gestapo und unmittelbar daneben die Zentrale des Sicherheitsdienstes der SS und das Reichssicherheitshauptamt befunden. Dort hatten die Schreibtische der Täter gestanden, dort wurde die Vernichtung von Millionen Menschen geplant und organisiert. Von den damaligen Gebäuden sind nur noch Ruinen erhalten.

Schon 1987 war eine erste Ausstellung zur Topographie des Terrors auf dem Gelände untergebracht worden, die dann auf unbestimmte Zeit verlängert werden sollte.1990 legte die eigens eingesetzte Fachkommission ihren Bericht vor und es gab eine erste Ausschreibung, die 1993 der Schweizer Architekt Peter Zumthor für sich entschied. Der Bau seines hoch emotionalen Entwurfs wurde von der damaligen Großen Koalition in Berlin jahrelang aufgeschoben und stellte sich schließlich als nicht realisierbar heraus - die für 13,8 Millionen Euro bereits errichteten Treppentürme des geplanten Neubaus wurden 2004 nach einer Entscheidung des inzwischen rot-roten Senats wieder abgerissen. Für Andreas Nachama eine schwierige Zeit: "Man hätte verzweifeln können." Ein wichtiger Grund dafür, warum das Projekt damals nicht ad acta gelegt worden sei, seien die rund 500.000 Besucher jährlich gewesen, die dem Berliner Senat die Bedeutung der Topographie des Terrors eindringlich klargemacht hätten.

Dauerausstellung

Als "Trauerspiel" und "Schildbürgerstreich" wurden die ewigen Querelen um die Topographie des Terrors in den vergangenen Jahren bezeichnet. Sie fanden erst ein Ende, als im Jahr 2006 der Entwurf der Berliner Architektin Ursula Wilms gewann und im Herbst 2007 die Bauarbeiten begannen. Heute präsentiert sich die Informationsstätte als flacher, verglaster Bau, in dem die Dauerausstellung ebenso Platz findet wie eine Wechselausstellung, Veranstaltungsräume, eine Bibliothek und die Räume der Stiftung selbst.

Die Kosten für den Neubau, die Sanierung des Ausstellungsgrabens und der Außenfläche liegen bei rund 27 Millionen Euro. Die Gesamtkosten inklusive Aufbau und Abriss des Vorgängerbaus betragen 37 Millionen Euro. Der Bund trug rund 20 Millionen Euro, den Rest das Land Berlin.

Die Ausstellung versucht Antworten auf eine Frage zu finden, die wohl nie restlos beantwortet werden kann: Wie konnte es den NS-Tätern gelingen, einen in der Geschichte unvergleichlichen Völkermord zu planen und umzusetzen? Für den Stiftungsdirektor ist dabei ein Faktor besonders wichtig: "Wir können hier ganz deutlich sehen, was passiert, wenn die Polizei nicht demokratisch kontrolliert wird - und das ist nicht nur ein Problem in der Vergangenheit, sondern passiert aktuell in vielen Ländern der Welt."

Für Bundespräsident Horst Köhler ist die Topographie des Terrors ein Ort für viele "schmerzhafte Fragen". In seinem Grußwort zur Eröffnungsveranstaltung sagte er, es brauche solche Fragen und die Orte, an denen sie gestellt würden - "um zu erfahren, wie unmenschlich der Mensch sein kann und wie brüchig die vermeintliche zivilisatorische Sicherheit". Es sei "kaum noch zu glauben, wie lange die Geschichte dieses Gelände verschüttet und vergessen" gewesen sei. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) sagt, er sei nach "so viel Streit und so viel baulichem Ärger", froh, dass die Ausstellung "endlich eröffnet worden ist". Die Maschinerie der Verbrechen, die Ideologien der Verbrecher zu zeigen, "das ist und bleibt wichtig".

Eingeständnis der Schuld

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) betonte in seiner Rede, das so genannte Prinz-Albrecht-Gelände sei ein Ort der Täter, weil dort grundlegende Entscheidungen getroffen worden seien. Es sei die Aufgabe aller, "Kausalitäten zu benennen und Schuld einzugestehen" - für den Bund sei die Ausstellung deshalb ein wichtiger Bestandteil bei der Aufarbeitung und Vermittlung der NS-Verbrechen.

Für Andreas Nachama war es "die fürchterlichste Adresse Berlins, das sagen uns die Zeitzeugen". Weil es um die Täter gehe, habe man auf alle Inszenierung verzichtet und setze auf sachliche Analyse. Auf schlichten Tafeln wird über die Machtübernahme der Nationalsozialisten und ihre Organisationsstruktur informiert. Fotografien zeigen diejenigen, die verhört und gefoltert wurden. Sehr sachlich geschieht das, fast karg. Das ist gewollt: "Der Besucher muss hier nicht mit gesenktem Haupt eintreten, sondern soll sich informieren - und hoffentlich mit noch mehr Fragen herausgehen, als er zuvor hatte", erklärt Nachama.

Bei aller Erleichterung über den Abschluss des Neubaus wurde dessen Eröffnung allerdings von neuem Ärger begleitet: Es sei "nicht zu rechtfertigen", teilte der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma Romanik Rose mit, dass bei der Eröffnung "keinem Vertreter der Sinti und Roma Gelegenheit zu einer Ansprache eingeräumt" worden sei.

Dass stattdessen die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, habe sprechen dürfen, sei ein Zeichen dafür, dass "der Völkermord an den Sinti und Roma sichtbar ausgegrenzt" werde. Für Luc Jochimsen, Kulturpolitikerin der Bundestagsfraktion Die Linke, war diese "sonderbare Nichteinbeziehung der Sinti und Roma" eine unsensible Entscheidung. Ein Vorwurf, den Nachama zurückweist. Knobloch habe nicht als Vertreterin der Juden gesprochen, sondern "als einzige und letzte Zeitzeugin unserer Gremien".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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