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Parlamentarisches Profil
Almut Lüder
Der Präzise: Dietmar Bartsch

Wer durch die hohe Flügeltür im Karl-Liebknecht-Haus, der Zentrale der Partei Die Linke, geht, könnte fast den Eindruck gewinnen, einen Ballsaal zu betreten. Doch die Büros dahinter sind von nüchterner Sachlichkeit. Auch Dietmar Bartsch, stellvertretender Fraktionsvorsitzender seiner Partei, vermittelt dieses Bild: Er trägt Jeans, Jackett und eine rahmenlose Brille. Und so schnörkellos wie sein Äußeres ist auch seine Sprache: klar und einfach.

Seit dem Jahr 2007 bis zum vergangenen Wochenende hat Bartsch von hier aus die Geschicke seiner Partei als Bundesgeschäftsführer gelenkt, war aber bereits zuvor zehn Jahre lang Bundesgeschäftsführer von Linkspartei.PDS beziehungsweise PDS. Der Name seiner Partei wandelte sich, der Wirtschaftswissenschaftler Bartsch dagegen blieb.

Ein Stockwerk über Bartsch hat Oskar Lafontaine sein Büro. Der Jobwechsel von Bartsch innerhalb der Partei ist auch mit dessen Namen verbunden. Denn Bartsch, der im Jahr 1958 im Seebad Prerow in Mecklenburg-Vorpommern geboren wurde, zog sich den Unmut vieler Genossen zu, als er in einem Zeitungsinterview erzählte, dass Lafontaines Rückzug vom Fraktionsvorsitz schon lange vor den Bundestagswahlen geplant gewesen sei. Fraktionschef Gregor Gysi hatte ihm daraufhin vorgeworfen, sich gegenüber dem erkrankten Parteichef Oskar Lafontaine illoyal verhalten zu haben. Grund genug für Bartsch, seinen Posten als Bundesgeschäftsführer zur Verfügung zu stellen. "Ich habe mir den Wechsel so nicht gewünscht", sagt er rückblickend. Doch habe er zu allen Zeiten seine Position vertreten. Das habe er auch bei Oskar Lafontaine so gehalten. "Dafür war ich zu lange in der SED, als dass ich mit meiner Meinung hinterm Berg halte. Es geht nicht um mich, sondern um den Erfolg der Partei."

Der 1,93-Meter-Mann ist durch und durch Linker - "demokratischer Sozialismus" für ihn eine wichtige Vokabel. Bereits als 19-Jähriger trat er in die SED ein. Bartsch ist studierter Ökonom und promovierte in Moskau. Im Wendejahr 1989 war er Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft Junger Genossen auf dem Außerordentlichen Parteitag der SED/PDS.

Firm im Umgang mit Zahlen und Statistiken hofft er, dass seine Partei in diesem Jahr die 80.000-Mitglieder-Marke erreicht. Ob er gezählt habe, wie oft seine Partei in der Vergangenheit für tot erklärt wurde? "Ich hatte erlebt, wie tot wir angeblich Anfang der 1990er Jahre waren. Wir hatten bei den Bundestagswahlen gerade einmal 2,4 Prozent. Heute haben wir gute Ergebnisse bei den Bundestagswahlen und Chancen, unsere gesellschaftliche Verankerung im Westen weiter zu verbessern." Letzter Beweis dafür war das Ergebnis der Partei bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen, wo Die Linke mit 5,6 Prozent den Einzug in den Düsseldorfer Landtag schaffte. Drei Jahre nach der Fusion der ostdeutschen PDS und der westdeutschen WASG ist die Partei sowohl im Bundestag als auch in 13 von 16 Landesparlamenten vertreten. Ein Erfolg, den der frühere Bundesgeschäftsführer auch für sich verbuchen kann. Im Gegensatz zu Gregor Gysi und Oskar Lafontaine bevorzugt Bartsch dafür aber eher die leiseren Töne: "Ich bin jemand, der präzise ist und nicht persönlich verletzen möchte. Ich bin auch jemand, der letztlich Harmonie liebt", sagt Bartsch, Vater zweier Kinder, von sich selber.

Seine letzte Aufgabe als Bundesgeschäftsführer war für den 52-Jährigen die Organisation des Parteitags der Linken in Rostock, auf dem innerhalb der Partei ein Wechsel der Führungsspitze und damit auch ein Generationswechsel vollzogen wurde. In Zukunft werden der bayerische Gewerkschafter Klaus Ernst und die Haushaltsexpertin Gesine Lötzsch an der Spitze der Partei stehen. Dietmar Bartsch wird dann sicherlich häufiger in seinem Bundestagsbüro im Jakob-Kaiser-Haus zu sehen sein. Auf die Frage, ob er nach seinem Rückzug vom Amt des Bundesgeschäftsführers Angebote von außerhalb der Politik erhalten habe, gibt er sich zurückhaltend."Über Angebote spreche ich nicht", wiegelt er ab. Er hofft, dass er in Zukunft etwas mehr Zeit für sein Hobby haben wird: Er möchte weiter anderen die Bälle zuspielen - Beach-Volleyballern.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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