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Susanne Kailitz
Streit um die Allerkleinsten

Gesundheit Ärzte und Betroffene wollen die Versorgung von Frühgeborenen nur noch besonders erfahrenen Kliniken überlassen. Die Entscheidung soll kommende Woche fallen

"Das Schwierigste bei Frühgeborenen ist, vorauszusagen, was aus ihnen wird. Ganz sicher kann man das eigentlich nur, wenn sie in meinem Alter sind." Dieses Zitat des damals 98-jährigen finnischen Neonatologen Arvo Ylppö, der selbst als Frühchen zur Welt kam, findet sich auf vielen Neugeborenen-Intensivstationen. Wie die Chancen der Frühstarter auf ein langes und gesundes Leben stehen, entscheidet sich in der Regel in den ersten Tagen nach ihrer Geburt - und oft sind diese abhängig davon, in welcher Klinik die Kinder zur Welt gekommen sind.

Für viele Experten steht außer Zweifel, dass besonders kleine Frühchen am besten in großen Stationen für Frühgeborene - so genannte Perinatalzentren - aufgehoben sind. Dort steht die beste technische Ausstattung zur Verfügung, vor allem aber haben Ärzte und Pflegekräfte täglich mit den Winzlingen zu tun und wissen, worauf zu achten ist.

"Bei diesen sehr kleinen Kindern braucht es sehr viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung", sagt Christoph Bührer, Chef der Neonatologie an der Berliner Charité. Seine Klinik ist die größte in Deutschland für Früh- und Neugeborenenmedizin. "Winzigste Hautveränderungen können bei ihnen Anzeichen für Komplikationen sein. Eine erfahrende Intensivschwester sieht so was; die fühlt, dass etwas nicht stimmt. Ein Team, das nicht ständig mit Frühgeborenen zu tun hat, kann das eher übersehen - mit der Folge, dass das Kind stirbt oder schwere Behinderungen zurückbehält."

Bislang gilt für die Perinatalzentren eine Mindestzahl von 14 Frühchen pro Jahr. Zentren mit Level Eins dürfen Kinder mit einem Geburtsgewicht von unter 1.250 Gramm behandeln. Diese gelten als sogenannte Höchstrisikopatienten. Zentren mit Level Zwei sind auf Kinder spezialisiert, die zwischen 1.250 und 1.500 Gramm wiegen.

14 Kinder pro Jahr - das ist zu wenig, findet der Bundesverband "Das frühgeborene Kind". Mindestens bei 36 bis 50 müsse die Mindestmenge liegen. "Unterschreitet man diese Zahl, müssen rund 150 bis 200 Kinder unnötig sterben oder überleben nur mit schweren Behinderungen", betont Verbandschef Jürgen Wirthl. Er setzt sich deshalb für größere Mindestmengen bei der Versorgung von Frühgeborenen ein - und kämpft damit an der Seite vieler Kinderärzte, Krankenkassen, Patientenorganisationen und des Bundesgesundheitsministeriums.

Expertengespräch im Bundestag

Sie alle wollen vor allem, dass Perinatalzentren des Levels Eins künftig nur noch Frühchen unter 1.250 Gramm behandeln dürfen, wenn sie mindestens 50 solcher Fälle pro Jahr haben. In einem Expertengespräch im Bundestag am 28. Mai warben Vertreter dieser Gruppen um Unterstützung aus der Bundespolitik. Die gibt es durchaus. So hat sich etwa der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn eindeutig positioniert: "Die Argumente für eine größere Mindestmenge wiegen schwer. Im Interesse der Kleinsten muss hier grundsätzlich Qualität über wirtschaftlichen Interessen stehen, und zwar ohne Kompromiss."

Endgültig zu entscheiden haben allerdings nicht die Abgeordneten, sondern der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung des Gesundheitssystems. In seiner Sitzung am 17. Juni steht das Thema erneut auf der Agenda, nachdem sich die Befürworter der Mindestmengen mit ihrem Vorstoß im vergangenen Jahr nicht durchsetzen konnten. Bestätigt sehen die sich in einer Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Die kommt in einer Studie zu dem Schluss, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen vermeidbaren Todesfällen und Mindestmengen gibt. Dagegen überlebten umso mehr Kinder, je größer die Zahl der behandelten Frühchen in den Kliniken sei, resümiert der Autor der Studie, Günther Heller. Auch Christian Poets, Chef der Tübinger Neonatologie und ehemaliger Vorsitzender der Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin, plädiert klar dafür, kleine Frühchen nur noch in großen Zentren behandeln zu lassen: "In kleinen Kliniken, die weniger als 35 Kinder mit einem Gewicht unter 1.500 Gramm pro Jahr behandeln, liegt deren Sterberisiko um 79 Prozent höher als in größeren Häusern." Ähnliche Erfahrungen hat man im Ausland gemacht: So sank die Säuglingssterblichkeit in Portugal zwischen 1990 und 2006 von 11 auf 3 Prozent, nachdem alle geburtsmedizinischen Einrichtungen mit weniger als 1.500 Geburten pro Jahr geschlossen worden waren. Auch in Finnland oder Schweden, wo es jeweils nur eine Handvoll Perinatalzentren gibt, liegt die Frühchensterblichkeit niedriger als in Deutschland.

»Wenig zielführend«

Argumente, die die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) nicht teilt. Sie wehrt sich vehement gegen die Einführung höherer Mindestmengen. Die seien "wenig zielführend", sagt DKG-Präsident Rudolf Kösters. "Man kann eine gute Versorgung in kleinen Häusern und schlechte Versorgung in großen Häusern genauso finden wie umgekehrt. In kleineren Einheiten passiert vieles eben nicht am Fließband wie in größeren Kliniken. Dort gibt es unter Umständen viel zu viel Routine. Deshalb wollen wir eine strengere Ergebnisqualitätsmessung." So sei es möglich, Perinatalzentren mit schlechten Ergebnissen zu schließen, ohne starre Mindestmengen festzulegen. Dem widerspricht die WIdO-Studie: Um wirklich seriös messen zu können, dass etwa eine Klinik mit nur 15 Fällen pro Jahr die Kinder schlecht versorge,

brauche man rund fünf bis zehn Jahre - Zeit, die man nicht habe.

Neonatologen wie Poets und Bührer werfen der DKG vor, aus rein wirtschaftlichen Interessen zu handeln. Würden die höheren Mindestmengen eingeführt, müssten viele Perinatalzentren vor allem in kleinen Kliniken schließen. Geht man von einer Mindestmenge von 49 aus, dürften künftig nur noch 60 Krankenhäuser Frühgeborene unter 1.250 Gramm versorgen - bislang sind es 315. "Da haben viele Kollegen schlicht Angst um ihren Job. Außerdem geht es häufig ums Prestige: Welcher Chefarzt gibt schon gern zu, dass sein Team bestimmte Fälle nicht behandeln kann?", fragt Poets. Das Denken vieler Verwaltungsdirektoren, mit der Versorgung von Frühgeborenen könne man gutes Geld verdienen, hält er für einen fatalen Trugschluss: "Für die Behandlung der Allerkleinsten werden bis zu 100.000 Euro gezahlt - aber Gewinn kann man damit nicht machen, wenn man die Kinder so intensiv versorgt, wie es nötig ist. Wer das trotzdem versucht, ist unredlich."

Jürgen Wirthl vom Bundesverband "Das frühgeborene Kind" ist sich nicht sicher, ob es gelingen wird, die Mindestmengen einzuführen. Der Vater zweier Frühchen hofft, dass die G-BA-Sitzung anders verläuft als im Jahr 2009: "Da ging es überhaupt nicht mehr um Kinder. Das war nur noch Tarifpoker."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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