Inhalt

Hans-Jürgen Leersch
»Mut und Zusammenhalt«

CHRISTIAN WULFF Der präsidiale Ministerpräsident

Kanzler könne er nicht, hat Christian Wulff einmal gesagt. Geglaubt haben dürften dies dem 50-jährigen CDU-Politiker und Ministerpräsidenten von Niedersachsen nur wenige. Jetzt könnte Wulff, der am 30. Juni gute Chancen hat, zehnter Bundespräsident zu werden, auf die Verlässlichkeit seiner Worte hinweisen und erinnern, dass er sich selbst schon immer als "Mischung aus Bescheidenheit, Zurückhaltung und Entschlossenheit" bezeichnet hat. Wobei dem Katholiken aus Osnabrück, der Stadt des Westfälischen Friedens, zumindest im ersten Teil seiner politischen Laufbahn, die jetzt vor ihrer Krönung stehen könnte, der Erfolg selten zur Seite stand.

Ausstiegsgedanken

Zwei niedersächsische Landtagswahlen (1994 und 1998) verlor der Rechtsanwalt gegen den späteren Kanzler Gerhard Schröder (SPD). Er trat 2003 ein drittes Mal gegen Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) an und wäre bei einer Niederlage aus der Politik ausgeschieden, weil er nicht als der "ewige Zweite" hätte gelten wollen. Doch Wulff gewann, stabilisierte sein Amt und seine Macht in Niedersachsen und baute seinen Einfluss auch in der Bundespolitik als stellvertretender CDU-Vorsitzender aus.

Zusammen mit dem Hessen Roland Koch und dem früheren CDU/CSU-Fraktionschef Friedrich Merz galt Wulff zunächst als einer der "Jungen Wilden" in der CDU und hatte sich nicht nur einmal gegen den früheren Parteichef Helmut Kohl profiliert. Als angebliches Mitglied des legendären "Andenpakts" in der CDU, einem Zusammenschluss von Politikern, die sich gegenseitig Hilfe zugesichert hatten, galt Wulff neben Koch und Merz als einer der möglichen Rivalen von Kanzlerin und Parteichefin Angela Merkel. Nachdem Merz und Koch aus dem Rennen sind, wurde Wulff als Reservekanzler gehandelt. Unbeachtet bleib dabei seine Äußerung aus dem Jahr 2008: "Mir fehlt der unbedingte Wille zur Macht und die Bereitschaft, dem alles unterzuordnen". Er sei kein politisches "Alphatier".

Eine Zäsur im Leben des Ministerpräsidenten brachte seine zweite Ehe mit Bettina Körner. Das Paar hat einen Sohn. Seitdem wurde Wulff präsidialer, zeigte sich gern mit der Familie in der Öffentlichkeit und repräsentierte sein Land, etwa beim Empfang der Grand-Prix-Gewinnerin Lena Meyer-Landrut, der er bescheinigte, sie stehe "für ein Deutschland-Bild, wie wir es uns wünschen". Den wachsenden Unmut in der CDU über das angebliche Desinteresse Wulffs am Regieren konterte der Ministerpräsident, indem er den Fraktionsvorsitzenden David McAllister früh als seinen Nachfolger installierte. Wulff will "Menschen zusammenführen, etwas für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft tun, Mut machen, auch Optimismus in schwierigen Zeiten".

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2021 Deutscher Bundestag