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Bernhard Bartsch
Totgesagte leben länger

NACHFOLGE KIM JONG-ILS Erbdiktatur, Kollaps des Regimes oder Militärjunta. Alles ist möglich

Mehr als ein dutzend Mal haben internationale Medien in den vergangenen Jahren über den Tod von Nordkoreas Diktator Kim Jong-il spekuliert. Doch bisher haben sich alle Berichte als falsch erwiesen. Trotzdem gilt Kim spätestens seit einem Schlaganfall im August 2008 als gesundheitlich schwer angeschlagen. Die Erkrankung wurde zwar nie offiziell eingestanden, ist aber nicht zu verbergen: Seit Anfang 2009 zeigen Fotos und Fernsehaufnahmen den ehemals wohlgenährten Kim dünn und kränklich, mit müdem Blick, hinkendem Gang und einem geschwollenen linken Arm. Obwohl alle Anzeichen darauf hindeuten, dass Kim das Ruder weiterhin fest in der Hand hält, stellt sich zunehmend die Frage, wie der 68-Jährige seine Nachfolge zu regeln gedenkt. Bisher ist offiziell noch kein Führer der dritten Generation proklamiert worden.

Am Flughafen verhaftet

Da über die Einflussverteilung in der Machtelite nur wenig bekannt ist, scheint eine Fortsetzung der Erbdiktatur des Kim-Klans ebenso möglich wie die Errichtung einer Militärjunta oder der Kollaps des maroden Regimes. "Es gibt zu diesem Thema keine verlässlichen Informationen", sagt Nordkoreaexperte Andrei Lankov von der Kookmin-Universität in Seoul. "Die Nordkoreaner wissen, dass übermäßige Mitteilsamkeit tödlich sein kann, wenn es um das Leben der vergötterten ‚ersten Familie' geht." Beobachter erwarten, dass Kim versuchen wird, die Herrschaft an einen seiner drei Söhne zu übertragen. Nach Koreas konfuzianischer Familientradition wäre der älteste Sohn, Kim Jong-nam, der prädestinierte Erbe. Doch der 39-Jährige hat ein doppeltes Handicap: Einerseits stammt er aus der Beziehung mit der Filmschauspielerin Song Hye-rim, die Kim offenbar nie heiratete und kurz nach seiner Geburt ins russische Exil schickte, wo sie 2002 starb. Andererseits soll Kim Jong-nam wegen seiner extravaganten Eskapaden in Ungnade gefallen sein. Im Mai 2001 wurde er am Flughafen in Tokio verhaftet, als er mit einem gefälschten Pass der Dominikanischen Republik einreisen wollte, um mit seinem Sohn und zwei Frauen Disneyland zu besuchen. In den folgenden Jahren wurde er mehrfach in Peking, Hongkong und der Glücksspiel-Hochburg Macao gesehen. Zwar gilt auch Kim Jong-il als vergnügungssüchtiger Lebemann, doch anders als sein Sohn hat er der Welt noch nie Gelegenheit gegeben festzustellen, was an den Gerüchten über ihn tatsächlich dran ist.

Die traditionelle Nummer zwei in der Erbfolge wäre Kim Jong-chol, 29, Sohn von Kims langjähriger Gefährtin Ko Young-hee. Er soll in der Schweiz ausgebildet worden sein. Als er im Jahr 2002 seinen Vater auf zahlreiche Inspektionsreisen begleitete, sahen Korea-Experten ihn bereits als künftigen Nachfolger, zumal der Propagandaapparat gleichzeitig über die Tugenden einer namentlich nicht genannten "weiblichen Genossin des Geliebten Führers" zu berichten begann, womit offenbar seine Mutter gemeint war. Doch die Kampagne endete so plötzlich, wie sie begonnen hatte.

Deshalb konzentrieren sich die Nachfolgespekulationen inzwischen auf Kims jüngsten Sohn, Kim Jong-un, ebenfalls ein Kind aus der Beziehung mit der 2004 gestorbenen Ko Young-hee. Berichten südkoreanischer Medien zufolge soll das Regime im Mai 2009, kurz nach dem zweiten Atombombentest, alle Auslandsvertretungen informiert haben, dass Kim Jong-un zum designierten Nachfolger erhoben worden sei. Vertreter des Parlaments und der Armee hätten bereits Treueschwüre auf Kim Jong-un geloben müssen, hieß es. Wie über seine Brüder ist auch über Kim Jong-un nur wenig bekannt. Sein Alter wird auf 26 Jahre geschätzt. Einen Großteil seiner Jugend soll Jong-un in der Schweiz verbracht haben, wo er in der nordkoreanischen Botschaft lebte und unter dem Namen Pak Chol die Internationale Schule Bern besuchte. Falls dies stimmt, müsste er über gute Englisch-Kenntnisse sowie einige Deutsch-Kenntnisse verfügen. Mitschüler sollen kolportiert haben, der Diktatorensohn liebe Basketball sowie Actionfilme und sei bei seinen internationalen Klassenkameraden beliebt gewesen. 1998 verließ Kim die Schule angeblich ohne Abschluss und verschwand in Nordkorea, wo bis auf vereinzelte Berichte über gemeinsame Inspektionsreisen mit seinem Vater lange Jahre nichts von ihm zu hören war. Im April 2009 wurde er in die Oberste Volksversammlung gewählt und erhielt einen Posten im Nationalen Verteidigungsausschuss. Über eine einflussreiche Rolle Kim Jong-uns ist bisher nichts bekannt.

Unter Kontrolle halten

Eine mögliche Erklärung für die ungeklärte Nachfolge sind Machtkämpfe zwischen unterschiedlichen Fraktionen der Arbeiterpartei oder des Militärs sowie innerhalb des Kim-Clans. So soll etwa Kim Jong-ils Schwester über ihren Ehemann Chang Song-taek erheblichen Einfluss ausüben. "Chang ist zwar nur ein paar Jahre jünger als Kim, aber er ist angeblich gesünder und hat große Erfahrung in der Verwaltung", sagt Lankov. "Die meisten Experten gehen deshalb davon aus, dass sich eine Art kollektive Führung herausbilden könnte, mit Jong-chol oder Jong-un als Repräsentationsfigur und Chang als Mentor und Berater des jungen Führers", so der Eindruck von Lankov. Doch das setzt voraus, dass die Familie das Land nach Kims Tod unter Kontrolle halten kann, was alles andere als sicher ist. Alternativ wäre auch denkbar, dass Teile der Armee die Macht übernehmen und - möglicherweise mit Unterstützung Chinas - eine Militärregierung bilden. Ein Kollaps des gesamten Regimes ist ebenfalls vorstellbar.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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