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Kai Köhler
Vom Wackelstaat zur Demokratie

SÜDKOREA Ein Land auf dem Weg in die politische Normalität

Demokratie braucht Vertrauen: zum Beispiel, dass sich der Gegner auch im Falle einer Niederlage an die Regeln hält. Unter diesem Aspekt gesehen waren die Voraussetzungen für eine demokratische Entwicklung in Südkorea 1953 denkbar schlecht. Der Krieg hatte ein zerstörtes Land hinterlassen, ohne ökonomische Spielräume für eine Befriedung. Vor allem aber blieb die südkoreanische Politik von scharfen Gegensätzen gekennzeichnet. Bereits in dem halben Jahrzehnt zwischen Dekolonialisierung und dem Angriff Nordkoreas 1950 war Gewalt ein übliches Mittel der südkoreanischen Politik. So hatten 1948 Regierungstruppen unter dem Vorwand, einen kommunistischen Aufstand zu bekämpfen, auf der Insel Jeju ein Massaker angerichtet, dem mindestens 27.000 Menschen zum Opfer fielen. Nach der nordkoreanischen Aggression 1950 überkreuzten sich dann Staatenkrieg und Bürgerkrieg.

Oberflächlich betrachtet herrschte dann 1953 in Südkorea ein antikommunistischer Konsens: Die meisten Sympathisanten des Nordens waren geflüchtet oder wurden allmählich als Guerilla in den Bergen aufgerieben. Dennoch gelang es Präsident Rhee Syng-man nicht, seine Herrschaft zu stabilisieren. Die sieben Jahre bis zu seinem Sturz bedeuteten Korruption, allzu offenkundige Wahlmanipulationen und vor allem ausbleibende ökonomische Fortschritte. Im April 1960 kam es zu Massenprotesten, die zunächst mit Gewalt beantwortet wurden. Als klar wurde, dass das Regime nicht zu halten war, flüchtete Rhee in die USA. Eine kurzfristige Demokratisierung wurde schon im Mai 1961 durch einen Militärputsch des Generals Park Chung-Hee abgebrochen.

Parks 18 Jahre dauernde Herrschaft brachte den Beginn einer systematischen Modernisierung und Industrialisierung und dadurch einen langsamen Wohlstandsgewinn. So gibt es denn auch für die Lebensleistung Parks - im Gegensatz zu der anderer Diktatoren - in Südkorea bis heute zahlreiche Verteidiger. Der Sturz Rhees und der Putsch Parks prägten das Bewusstsein für Jahrzehnte: dass opferreiche Proteste am Ende zum Erfolg führen, aber dass autoritäre Herrschaft sich letztlich immer erneuert. Diesem resignativen Aktivismus stand von oben ein demokratisches Schauspiel entgegen: Es gab Medienkontrolle, Zensur, Folter, Mord an Demokraten - doch nie wurde die Fiktion fallengelassen, all dies geschehe im Rahmen der Verfassung.

Neue Welle von Protesten

Als Park im Oktober 1979 von seinem Geheimdienstchef ermordet wurde, hinterließ er ein weitgehend verändertes Land. Bei aller noch fortbestehenden Armut entstand eine neue, akademisch ausgebildete und städtisch geprägte Mittelschicht. Zunächst aber wurden Ansätze zu einer Demokratisierung durch einen Putsch zerstört. Die folgende Präsidentschaft Chun Doo-hwans gilt als der düsterste Abschnitt der südkoreanischen Nachkriegsgeschichte. Tatsächlich wurde am Anfang dieser Zeit die Opposition radikaler unterdrückt als je zuvor.

Realer Machtwechsel

Doch agierte Chun nicht brutaler als einige Jahrzehnte zuvor Rhee. Geändert hatte sich die Gesellschaft. Betroffen waren nicht mehr Bauern, sondern städtische Mittelschichten - häufig Studierende, die als kommende Elite der Nation angesehen wurden. Eine neue Welle von Demonstrationen 1987 führte denn auch nicht zu neuen Massakern, sondern zur einer langsamen Demokratisierung. 1993 wurde mit Kim Young-sam der erste Zivilist seit 1961 zum Präsidenten gewählt, ein früherer Regimegegner, der zur Regierungspartei gewechselt war. Die langsame Veränderung bereitete die Möglichkeit eines Machtwechels vor. Die Wahl Kim Dae-jungs zum Präsidenten bedeutete 1997 den ersten friedlichen Regierungswechsel der südkoreanischen Geschichte. Die Begnadigung seiner zum Tode verurteilten Vorgänger, des Militärmachthabers Chum Doo-hwan und seines Nachfolgers Roh Tae-woo war ein Signal der Versöhnung (siehe S. 11). Der Amtsantritt des Konservativen Lee Myung-bak im Jahre 2008 weckte dabei, anders als der seiner beiden Vorgänger, keine großen Hoffnungen. Er galt bei den Wahlen als kleineres Übel und entpuppte sich in den Augen einer Bevölkerungsmehrheit seitdem als das größere.

Geringes Vertrauen

Ist Südkorea heute eine gefestigte Demokratie? Einerseits werden, seitdem Lee Präsident ist, der vorigen Administration nahestehende Personen grob aus dem Amt gedrängt. Auch ist nach wie vor ein Sicherheitsgesetz in Kraft, das bei großzügiger Auslegung sogar jede Erklärung der nordkoreanischen Politik als kommunistische Propaganda strafbar macht. Andererseits ist ein Militärputsch kaum mehr vorstellbar, Repressionen wirken als Skandal, die vor zwanzig Jahren als alltäglich gegolten hätten.

Das Vertrauen zwischen den politischen Gegnern ist nach wie vor gering; doch wird nun darüber gestritten, ob die mittels Internet koordinierten Proteste gegen Lee Myung-bak eine neue Ära markieren. Gelobt werden da postmoderne Ansätze, von denen keine Regierung etwas zu fürchten hat. Die Ideologiefeindschaft einer solchen Opposition markiert mehr als autoritäre Maßnamen von oben, dass eine Normalisierung stattgefunden hat.

Der Autor arbeitet als Literatur- wissenschaftler und Publizist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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