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Sophie Mühlmann
Provozierender Diktator

KIM JONG-IL Mit seinem Nuklearprogramm sichert sich Nordkoreas Staatschef die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit

Am Tage seiner Geburt, so sagt es die Legende, stand ein doppelter Regenbogen am Himmel. Doch das ist noch nicht alles, Nordkoreas staatliche Historiker fabulieren munter weiter: Direkt über der Holzhütte auf dem heiligen Berg Paektu, in der Kim Jong-il 1942 das Licht der Welt erblickt haben soll, erleuchtete eine Glück verheißende Sternschnuppe das Firmament. Eigentlich wurde der "geliebte Führer", der "ewige Sohn der ewigen Sonne", zwar schon 1941 in Khabarovsk in Sibirien geboren, wo sein Vater mit dessen erster Frau Kim Jong -suk eine Weile im Exil lebte, doch die Legende macht sich einfach besser für den Personenkult der Familie Kim.

Wer ist dieser 1,61 Meter kleine Staatschef mit der hochtoupierten Dauerwelle und den Plateausohlen, der im immer gleichen grauen, über dem Bäuchlein ein wenig spannenden Blouson steif in die Kameras winkt? Der Mann, der lange Zeit die von den Vereinigten Staaten gebrandmarkte "Achse des Bösen" anführte und den das US-Magazin "Newsweek" im Jahre 2003 in Anlehnung an James Bond als finsteren "Dr. Evil" bezeichnete? Viele Einzelheiten und Gerüchte, die aus dem isolierten Staat an die Außenwelt gedrungen sind, setzen sich zu dem bizarren Puzzle eines Mannes zusammen, der maßlos, exzentrisch und leicht irr erscheint. Eine komische Figur an der Spitze eines brutalen stalinistischen Regimes, die die Bevölkerung verhungern läßt und gleichzeitig Unsummen in die Aufrüstung steckt. Jedenfalls niemand, dem man ein Atomwaffenarsenal anvertrauen würde.

Emotional instabil

Bevor er zu einem der mächtigsten Männer der Welt wurde, war Kim Jong-il als fauler Student, frustrierter Möchtegern-Künstler und leicht stotternder Dandy bekannt. Niemand nahm ihn damals so recht ernst, galt er doch als das schwarze Schaf der Familie.

Daneben gibt es aber auch noch ganz andere Informationen über den jungen Kim: Als Chef der Spezialtruppen soll er in den 1970ern und 1980ern für internationale Terroraktivitäten verantwortlich gewesen sein, darunter der Anschlag gegen einen Jet der "Korean Airlines" im Jahre 1986, bei dem 115 Menschen starben. Südkoreas Geheimdienst KCIA nannte den heute 69-Jährigen emotional instabil.

Er soll die Frauen lieben und den Cognac, gutes Essen und großes Kino. Seine Sammlung von 20.000 Hollywoodfilmen ist legendär. Privat umgibt er sich mit Vorliebe mit Stars und Sternchen. Mit der Filmschauspielerin Song Hye-rim hat er einen Sohn, seinen Ältesten, Kim Jong-nam.

Er selbst hält sich offenbar für einen begnadeten Meister der Künste. Innerhalb von nur zwei Jahren soll er sechs eigene Opern geschrieben haben. Außerdem soll er persönlich den gigantischen Chuch'e-Turm in der Hauptstadt Pjöngjang entworfen haben.

Champagner und Kaviar

Der mollige Staatschef lebt in Saus und Braus. Für seine Leibeswonnen und um die "Langlebigkeit des geliebten Führers zu garantieren" stehen ihm Masseusen und andere dienstbare Damen zur Verfügung, und er soll sich gar vier rein weibliche Tanztruppen für den Eigengebrauch halten. Zu seiner persönlichen Kurzweil soll er außerdem Golfplätze, Vergnügungsparks, Wellenbäder, Garagen voller Motorräder und Luxusschlitten und mindestens zehn weitläufige Prunkpaläste mit unzähligen Dienstboten besitzen. Sein Vermögen liegt auf Schweizer Banken. Dort gingen auch seine Kinder zur Schule - inkognito, versteht sich.

Ein russischer Gesandter, der einst mit dem Flugangst-geplagten Kim im Privatzug durch Nordkorea reiste, pries die kulinarischen Exzesse an Bord: Jeden Tag wurde lebender Hummer eingeflogen, den man mit Champagner herunterspülte. Einer der früheren Küchenchefs im Hause Kim, der sich inzwischen nach Japan abgesetzt hat, berichtet unter einem Pseudonym von seinen Reisen im Auftrag des Staatschefs: Er flog in den Iran oder nach Usbekistan, um für den "geliebten Führer" Kaviar zu besorgen, er wurde nach Dänemark zum Schinkeneinkauf geschickt und nach China für Melonen und Weintrauben. Die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" fürchtet derweil, dass sich in Nordkorea die Lebensmittelkrise der 1990er Jahre wiederholen könnte, bei der bis zu drei Millionen Menschen verhungert sind. Die meisten der rund 4.000 Überläufer, denen die Flucht von Nord- nach Südkorea gelungen ist, hassen Kim Jong-il bis aufs Blut. Von ihnen stammen einige der schlimmsten Gerüchte über den kleinen Diktator. Einer seiner Ex-Leibwächter, Lee Young-guk, zum Beispiel beschreibt ihn als grausam und wahnsinnig. "Er bestand darauf, dass wir alle bereit sein mussten, für ihn zu sterben", erzählt Lee, "wir durften von niemandem außer ihm Befehle annehmen."

Möglich, daß der "geliebte Führer" einfach ein grandioser Schauspieler ist, der sich hinter der Maske des irrationalen Verrückten versteckt, um seine Absichten im Dunkeln und die Welt in Angst und Schrecken zu halten. Denn andere, durchaus ernst zu nehmende Zeitgenossen halten Kim nicht für irre: Chinas ehemaliger Außenminister Tang Jiaxuan nannte ihn "aufgeweckt", Südkoreas Ex-Präsident Kim Dae Jung, der für seine Annäherung an den verfeindeten Bruderstaat den Nobelpreis gewann, bezeichnete ihn als "Mann mit Einsicht", und sogar die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright sagte, Nordkoreas Staatschef sei "gut informiert, sehr entschlossen, praktisch und seriös".

Dynastische Nachfolge

Kim Jong-il übernahm nicht sofort nach dem Tod seines Übervaters, des Staatsgründers Kim Il-sung 1994 dessen Amt als Staats- und Parteichef. Er hatte zwar Mitte der 1960er Jahre begonnen, in der Kultur- und Propagandaabteilung des Zentralkomitees der Arbeiterpartei zu arbeiten, aber als Nachfolger seiner Vaters war er eigentlich gar nicht vorgesehen. Wie auch jetzt wieder gab es im Ausland nur Gerüchte über die Person des Nachfolgers. Damals gingen die Nordkorea-Beobachter zunächst davon aus, dass Kim Jong-ils jüngerer Bruder, Kim Yong-ju, die erste Wahl des Vaters als dessen Nachfolger war. 1997 aber wurde dann Kim Jong-il zum Vorsitzenden der koreanischen Arbeiterpartei. Eine solche dynastische Nachfolge hatte es in einem kommunistischen Regime bisher noch nirgendwo auf der Welt gegeben.

Verblüffend zäh

Und wieder machten Gerüchte die Runde: Kim Jong-il habe womöglich den Tod des Vaters selbst verursacht, um sich den Thron zu sichern und seines Vaters Entspannungspolititk mit dem Süden zu sabotieren. Angeblich, so munkelt man unter Nordkoreaflüchtlingen, habe er nach dem Herzinfarkt seines Vaters den Ärzten den Zugang zu dem Kranken verwehrt und später sämtliche Mitwisser zum Schweigen gebracht. Überhaupt, so berichtete auch der hochrangigste Überläufer und ehemalige Chefideologe Hwang Jang-yop, habe Kim Senior seinen tödlichen Herzinfarkt im Streit mit Kim Junior erlitten. Wie alle Gerüchte und Behauptungen ist auch diese nicht zu verifizieren. Die meisten Informationen über Kim Jong-il, sein Leben, seine Lieben und seine Laster stammen aus dem Kaffeesatz.

Kenner des Landes hatten nach Vater Kims Tod vorausgesagt, daß das Regime in kürzester Zeit kollabiert und der Führer gestürzt sein würde. Politische und wirtschaftliche Krisen schienen die pessimistischen Voraussagen in den ersten Amtsjahren Kim Jong-ils zu bestätigen. Doch er erwies sich als verblüffend zäh.

Die Bevölkerung hat er eisern im Griff. Eine Opposition gibt es bis heute nicht. Außerdem hatte Kim der Jüngere sich die Devise seines Vaters zu Herzen genommen: "Songun" oder "Armee zuerst". Nordkorea ist bis an die Zähne bewaffnet. Das stehende Heer hat 1,1 Millionen Soldaten unter Waffen. Damit schüchtert er konstant seine Nachbarn ein und hält deren mächtige Verbündete im Zaum.

Bemerkenswert erfolgreich

Der Mann ist paranoid und selbstüberschätzt. Seine Masche: abwechselnd mit der geballten nordkoreanischen Militärkraft - der echten und der angeblichen - drohen und dann wieder um Hilfe bitten. Mit seinem Nuklearwaffenprogramm sichert er sich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit, um so seine Verhandlungsposition zu verbessern. Er pokert und provoziert, um sich und seinem Land Bedeutung zu verleihen - und ist damit bisher bemerkenswert erfolgreich. Mit seinen Atomtests hat Kim Jong-il seine verarmte, isolierte, im Ausland verachtete Heimat in eine Nuklearmacht verwandelt - vielleicht stellt er damit in Nordkoreas kommenden Geschichtsbüchern sogar die Glorie seines Vaters in den Schatten.

In jüngster Zeit aber, vor allem in den letzten zwei Jahren, wird zunehmend über den Gesundheitszustand des nordkoreanischen Staatsführers spekuliert. Schon immer wurden wilde Gerüchte um sein leibliches Wohl gestrickt: Magenprobleme wegen seiner Liebe zu stark gewürzten Speisen, Leberschäden ob des Alkoholkonsums. Diesmal aber waren die Spekulationen hartnäckiger. Kim war bei verschiedenen Anlässen nicht aufgetaucht. So fehlte er zum Beispiel bei der Parade zum 60. Jahrestag des Staates im Oktober 2008. Videobilder, die ihn bei der Ausübung seiner Regierungspflichten zeigen, waren offensichtlich gefälscht oder veraltet.

Auch ging immer wieder das Gerücht, einer seiner Doppelgänger habe sich statt seiner dem Volk und den Kameras gezeigt. Und so mehrten sich im Ausland die Fragen, ob der "ewige Sohn der ewigen Sonne" überhaupt noch alle Fäden in der Hand habe. Ist er zu krank, um zu regieren?

Angeblich, so wollten mehrere Kenner des Landes erfahren haben, hatte Kim Jong-il im August 2008 einen Gehirnschlag erlitten. Die Propagandamaschinerie antwortet mit einem endlosen Strom von Nachrichten. Die Botschaft ist immer dieselbe: Kim Jong-il hat seine Gesundheit und sein Land fest im Griff.

Inzwischen scheint er jedoch seinen Nachfolger, den nächsten Herrscher in dieser kommunistischen Dynastie bestimmt zu haben: Seit dem vergangenen Jahr macht nur noch der Name eines seiner drei Söhne die Runde. Sein jüngster Sprössling, Kim Jong-un, soll in seine Fußstapfen treten und somit die Herrschaft nach seinem Tod übernehmen.

Die Autorin ist Asien-Korrepondentin der Tageszeitung "Die Welt".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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