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Günter F.C. Forsteneichner
Gegenseitiges Hochrüsten

STREITKRÄFTE Mehr im Norden, moderner im Süden

Ende Mai erhärtete sich die Vermutung, ein nordkoreanischer Torpedo habe sechs Wochen zuvor die südkoreanische Korvette "Cheonan" versenkt. Nord- und Südkorea befinden sich formal im Kriegszustand, da dem Waffenstillstand von 1953 noch immer kein Friedensabkommen gefolgt ist. Ein Grundlagenvertrag von 1991 verpflichtet beide Seiten zwar zum Gewaltverzicht, aber insbesondere die nordkoreanische Nuklearrüstung zeugt nicht gerade von ausgeprägtem Friedenswillen.

Personell ist der Norden mit annähernd 1,2 Millionen Soldaten dem Süden mit rund 674.000 eindeutig überlegen. Das numerische Ungleichgewicht wird indes durch die Faktoren ständige Stationierung der gut 30.000 Mann starken "US Forces Korea" sowie durch den vergleichsweise modernen technischen Stand der Ausrüstung der südkoreanischen Streitkräfte weitgehend ausgeglichen. So handelt es sich beispielsweise bei den 3.600 Kampfpanzern des Nordens überwiegend um russische Modelle der Typen T54 oder T55, die bereits 1947 respektive 1959/60 in die Serienfertigung gegangen sind. Südkoreas etwa 2.390 Kampfpanzer hingegen sind mehrheitlich Eigenentwicklungen auf der Grundlage des amerikanischen M1 Abrams.

Im Bereich der Luftwaffen stehen Pjöngjangs rund 650 veralteten Kampfflugzeugen meist russischer Provenienz etwa 550 modernere, vornehmlich amerikanische Typen oder deren südkoreanische Derivate gegenüber. Die südkoreanische Marine ist der nordkoreanischen insgesamt überlegen. Letztere zählt nur drei Fregatten, während Seoul auf deren zwölf und zusätzlich noch 26 Korvetten verweisen kann. Dennoch, auffällig ist die starke amphibische Komponente Pjöngjangs mit rund 270 Landungsbooten. Und auch die nordkoreanischen Mittelstreckenraketen, die - konventionell oder nichtkonventionell bestückt - jeden Punkt des Südens erreichen können, unterstreichen den offensiven Charakter der Militärdoktrin Nordkoreas. Angesichts der nuklearen Bedrohung hat Seoul im vergangenen Jahr ein 100 Milliarden Euro schweres Waffen- und Technikprogramm mit den Schwerpunkten Aufklärung und Befähigung zur Zerstörung verbunkerter Kommandostände und unterirdischer Nuklearanlagen aufgelegt.

Der Autor ist freier Publizist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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