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Petra Kolonko
»Solidaritätszüge« nach Nordkorea

DDR Bis zur Wende 1989 pflegten beide Staaten ein betont enges Verhältnis. Nur in der Frage der Wiedervereinigung waren sich Honecker und Kim Il-sung bis zum Schluss nicht einig

Für Erich Honecker war der Besuch in Pjöngjang im Jahr 1984 ein unvergessliches Erlebnis. Hunderttausende Bürger der Koreanischen Demokratischen Voksrepublik, der KDVR, wie sie im kommunistischen Abkürzungsjargon heißt, waren aufgeboten, den Staats-und Parteichef der DDR mit bunten Wink-Elementen zu begrüßen. Nordkoreanische Chöre hatten sogar DDR-Propaganda-Lieder wie "Bau auf, bau auf" und "Die Partei ,die Partei die hat immer recht" einstudiert. Ein gerührter Honecker versicherte seinem Gastgeber, dem Diktator Kim Il-sung, er habe "keine Worte, um dies zu beschreiben". Honecker, der selbst an bestellten Jubel gewöhnt war, war von der Machtfülle Kim Il-sungs und auch dem Personenkult, der in Nordkorea um den Staatsführer betrieben wurde, tief beeindruckt. Er unterzeichnete mit Kim Il-sung einen Freundschaftsvertrag zur "Stärkung der Geschlossenheit zwischen den sozialistischen Staaten", der eine alte Freundschaft besiegeln sollte.

Nach dem Korea-Krieg waren es vor allem die sozialistischen Bruderstaaten, die Sowjetunion, die osteuropäischen Staaten und China, die den Aufbau eines kommunistischen Nordkoreas möglich machten. Die DDR war einer der wichtigsten Unterstützer des nordkoreanischen Staates. In den Jahren 1950-57 brachte die DDR 60 Millionen DDR-Mark für Nordkorea auf, viel Geld für einen Staat, dessen Bürger selbst noch Mangel litten. Bis 1956 rollten sechs "Solidaritätszüge" mit ostdeutschen Konsumgütern und Medizin nach Nordkorea. Die DDR nahm auch 1.000 nordkoreanische Waisenkinder und Studenten auf und finanzierte ihnen die Ausbildung. Insgesamt waren es von 1950 bis 1962 etwa 500 Millionen Rubel, die aus der DDR ins ferne Nordkorea flossen. Die DDR war damit der drittgrößte Geber Nordkoreas nach der Sowjetunion und Chinas.

Güter und Geld

Kim Il-sung hatte wenig bescheiden bei seinem ersten Besuch in der DDR 1956 der Führung dort einen Katalog von Forderungen nach Gütern und Geld vorgelegt, mit dem er die Staatsführung der DDR überrumpelte. Als brave Gefolgsleute meldeten die DDR-Potentaten nach Moskau, dass sie unmöglich so viel für Nordkorea leisten könnten, machten dann aber doch äußerste Anstrengungen, um ihrer Solidaritätsverpflichtung nach zu kommen. Größtes Projekt der DDR-Hilfe war der Wiederaufbau der Stadt Hamhung in Nordkorea (siehe oben). Als Kim Il-sung Moskau die "kalte Schulter" zeigte und sich nach China orientierte, kühlten auch die Beziehungen zur DDR ab. Auch dort wurden die Auswüchse des Personenkultes, den Kim Il-sung um sich nach dem Vorbild Stalins inszeniert hatte, kritisch gesehen, hatte doch Chruschtschow in der Sowjetunion den Personenkult beendet. Kim Il-sungs Freundschaft mit dem Nachbarn China dauert nicht lange. Die "Große Proletarische Kulturrevolution" empfand Kim Il-sung als Herausforderung für seine Herrschaft, hatte Mao Tse-tung doch die jugendlichen Roten Garden aufgefordert, sich gegen das Partei-Establishment zu erheben. Von nun an versuchte Kim Il-sung, zum Ostblock und zu China die gleiche Distanz zu halten.

Neben ideologischen Differenzen gab es aber im Verhältnis zwischen Ost-Berlin und Pjöngjang eine Frage, in der sich grundsätzliche Unterschiede auftaten: die Haltung zur Wiedervereinigung. Sowohl Nordkorea als auch die DDR waren aus einer Staatsteilung nach einem Krieg hervorgegangen. Doch die nationale Frage sahen die DDR-Potentaten und Kim Il-sung völlig anders. Dem Nationalisten Kim Il-sung war die Wiedervereinigung Koreas ein wichtiges Ziel. Den Kommunisten in der DDR war die Abgrenzung vom anderen Deutschland Lebenszweck und Überlebensgarantie. Wiedervereinigung stand nicht auf ihrem Programm, sondern die Anerkennung der DDR als unabhängiger Staat. Als Erich Honecker im Jahr 1977 erstmals nach dem Ende der ideologischen Konfrontation Nordkorea besuchte, redete Kim Il-sung von Wiedervereinigung, einem Thema, das Honecker gar nicht behagte. Kim Il-sung hatte auch einen Plan, wie die Wiedervereinigung Koreas zu erlangen sei. "Wir müssen den Südkoreanern die Überlegenheit des Sozialismus zeigen, genau wie ihr dies den Westdeutschen zeigt." Der überlegene Sozialismus in der DDR überlebte nach dem Abschluss des Freundschaftsvertrags mit der DDR nur noch fünf Jahre. Kim Il-sung rief nach dem Fall der Mauer seine Untertanen, die in die DDR und in andere sozialistische Staaten entsandt waren, zurück, damit diese nicht in den Sog des Wandels gerieten. Honecker, den er in Gesprächen mit Diplomaten als seinen "Bruder und besten Freund" bezeichnete, bot er Asyl in Nordkorea an, aus "humanitären Gründen".

Die Autorin ist Ostasien-Korrespondentin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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