Inhalt

Martin Fritz
Mit Erotik gegen die Kampfmoral

KOREANISCHE GRENZE Auge in Auge stehen sich die Truppen gegenüber

Die Teilung Koreas verursacht auch 65 Jahre danach große Leiden. Die Menschen können immer noch nicht zueinander reisen, sich Briefe schreiben oder miteinander telefonieren. Millionen von Familienangehörigen wurden während des Krieges getrennt und haben sich nie wiedergesehen. Symbol dieser scharfen Trennung ist die schwer befestigte Grenze am 38. Breitengrad.

"Wir haben drei gestaffelte Verteidigungslinien", erklärt ein Marinesoldat vom US-Camp Bonifas auf der Fahrt entlang der südlichen Seite der Demarkationslinie. "Erst kommen die Panzersperren, dann breite Minenfelder von Küste zu Küste, schließlich ein durchgehender Drahtzaun mit Wachtürmen alle 100 bis 200 Meter." Auch auf nördlicher Seite bewegt sich der Besucher durch zwei Kilometer breites militärisches Sperrgebiet. Die Geschützrohre der nordkoreanischen Artillerie sind hier tief in den Boden eingegraben. Mühelos würden ihre Geschosse die 50 Kilometer entfernte Hauptstadt Seoul erreichen.

Gespenstisches Bild

Nur an der Grenzstelle Panmunjom blicken sich die Soldaten beider Seiten direkt in die Augen: An diesem letzten Schauplatz des Kalten Krieges - der Joint Security Area - verhandelten die Vereinten Nationen, Nordkorea und China zwischen 1951 und 1953 den Waffenstillstandsvertrag für den Korea-Krieg. Bis heute bietet sich dort ein gespenstisches Bild: Die Wachposten stehen nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Nordkoreanische Uniformierte lugen aus den Fenstern ihres zweistöckigen Grenzgebäudes, das Fernglas unablässig vor den Augen. Ihnen stehen südkoreanische Elitesoldaten mit Sonnenbrillen und kugelsicheren Westen in der Habachtstellung der Taekwondo-Kämpfer gegenüber, die Beine gespreizt, die Arme angewinkelt. Sie bewachen vier weiße und drei blaue Wellblechbaracken auf asphaltiertem Grund. Ein weißes Betonband auf dem Boden markiert die Grenze. "An diesem Tisch wurde der Waffenstillstand ausgehandelt, wir saßen hier, dort saßen die Amerikaner", erzählt der nordkoreanische Leutnant Paek Myong-Chol in der mittleren Baracke, die beide Seiten abwechselnd betreten dürfen. "Dabei wurde geschimpft und diskutiert. Die Demarkationslinie geht mitten durch den Tisch."

Seit dem innerkoreanischen Gipfeltreffen im Jahr 2000 weht selbst hier ein Hauch von Entspannung. Eine Zeitlang gab es sogar Busreisen nach Kaesong. Dennoch gehen die Propagandaschlachten weiter. Der Norden hat den Wettlauf um den höchsten Mast mit der größten Fahne gewonnen, die über dem Geisterdorf Giyong Dong weht. Musik und Erotikgeschichten aus Lautsprechertürmen im Süden sollen die Kampfmoral im Norden schwächen.

"Im Sommer bringen die südkoreanischen Soldaten an der engsten Grenzstelle Frauen mit und machen vor unseren Augen Liebe", beschwert sich Oberleutnant Kang Ho-sop auf nordkoreanischer Seite. "Ist das ein menschliches Verhalten?"

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag