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Dirk Godder
Schatten auf dem Sonnenschein

ZUSAMMENARBEIT Südkoreas Politik der Annäherung an Nordkorea ist gescheitet - vorerst jedenfalls

Mehr als zwei Jahre nach ihrem Ende wird in Südkorea noch immer über das Vermächtnis der als "Sonnenschein"-Politik bekannten Annäherung an Nordkorea diskutiert. War sie Fluch oder Segen? Seit Jahrzehnten debattieren das konservative und das liberale Lager über den angemessenen Umgang mit einem Nachbarstaat, der nach wie vor als unberechenbar gilt. Umso mehr, da sich die Spannungen zwischen den beiden Staaten seit dem Antritt des südkoreanischen Präsidenten Lee Myung-bak im Februar 2008 wieder spürbar erhöht haben. Der konservative Staatschef vertritt eine härtere Gangart gegenüber Pjöngjang als die liberale Vorgängerregierung. Nordkorea unterstellt ihm eine Konfrontationspolitik. Lee, der seit jeher den "Sonnenschein"-Kurs skeptisch betrachtet hat, macht unter anderem den Ausbau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit von nachweisbaren Schritten zum Abbau des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms abhängig. Die Debatte um die richtige Politik gegenüber Nordkorea ist jedoch nicht nur auf Südkorea beschränkt. Sie betrifft auch die grundsätzliche Frage nach dem Umgang mit einer Diktatur à la Pjöngjang. "Sonnenschein war billig - und ein Schnäppchen, wenn sie eher eine allmähliche Reintegration fördern kann als einen teuren Zusammenbruch nach deutschem Vorbild", schreibt etwa der Korea-Kenner Aidan Foster-Carter von der Universität von Leeds und fordert eine neue "Nordpolitik" der Regierung in Seoul. Sonnenschein sei zwar weitgehend wirkungslos geblieben, doch habe auch die Ostpolitik der Bundesrepublik Deutschland fast zwei Jahrzehnte gebraucht, "um Ostdeutschland bis an den Punkt des Zusammenbruchs aufzuweichen". Auch die "Sonnenschein"-Politik habe nicht über Nacht erfolgreich sein können.

Aktive Annäherung

Unter der Politik des Sonnenscheins wird heute allgemein der Versuch Südkoreas verstanden, den weitgehend isolierten Nachbarstaat auf dem Weg einer aktiven Annäherung und Zusammenarbeit in die internationale Gemeinschaft zu integrieren und die Grundlagen für eine friedliche Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel zu schaffen. In dem Jahrzehnt zwischen 1998 bis 2008 hat die "Sonnenschein"-Politik zunächst zu einer deutlichen Entspannung beigetragen. Von der Mehrheit der Südkoreaner wurde sie anfänglich begrüßt, weil sie versprach, die alte Struktur der Konfrontation und des Misstrauens zu beenden. Aussöhnung lautete die Devise statt einer Politik, die ausschließlich darauf aus war, Nordkorea in Schach zu halten. Die Politik ist dabei untrennbar mit dem früheren Präsidenten Kim Dae Jung ( 2009) verbunden. Als der ehemalige Dissident die Präsidentenwahl im Dezember 1997 gewann, war den Südkoreanern klar, dass sich auch im Verhältnis zu Nordkorea vieles ändern wird. Mit dem Beginn seiner fünfjährigen Amtszeit im Februar 1998 wurde auch die Ära der Sonnenscheinpolitik eingeläutet. In seiner Antrittsrede nannte Kim drei Prinzipien, die von da an die Grundlage für einen Dialog mit Pjöngjang darstellen sollten. Erstens: Wir werden niemals eine bewaffnete Provokation jeder Art tolerieren. Zweitens: Wir haben nicht die Absicht, Nordkorea zu unterwandern oder zu absorbieren. Drittens: Wir werden aktiv die Aussöhnung und Kooperation zwischen Süd- und Nordkorea verfolgen und dabei in den Bereichen beginnen, die uns zugänglich sind.

Günstiges Umfeld

Seinen Kurs lehnte Kim an die deutsche Ostpolitik an. Deren Prinzip "Wandel durch Annäherung" ließ sich auch auf das Konzept der Sonnenscheinpolitik anwenden, die von Kims Amtsnachfolger Roh Moo-hyun konsequent fortgesetzt wurde. Der Kurs der Verständigung sollte schrittweise die Öffnung Nordkoreas herbeiführen. Auch von militärischen Zwischenfällen, wie etwa die Seegefechte 1999 und 2002 zwischen Kriegsschiffen beider Staaten an der strittigen Seegrenze vor der Westküste der Halbinsel oder von der umstrittenen Atompolitik Nordkoreas, ließ sich Seoul nicht von seinem Weg abbringen. Seine Politik hat Kim, der für seine Verdienste um die Demokratisierung seines Landes und die Annäherung an Nordkorea mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde, in seiner "Berliner Rede" vom März 2000 an der Freien Universität Berlin erläutert. Darin appellierte er an alle Betroffenen, zu helfen, "die Kalte-Kriegs-Struktur auf der koreanischen Halbinsel zu beenden". Die Architekten der "Sonnenschein"-Politik gingen davon aus, dass die Etablierung einer neuen internationalen Ordnung nach dem Ende des Kalten Kriegs und die Überführung sozialistischer Länder in eine Marktwirtschaft auch ein günstiges externes Umfeld für die koreanische Halbinsel geschaffen hätten. Südkorea war deshalb bereit, Nordkorea bei der Bewältigung seiner wirtschaftlichen Probleme zu helfen und großzügige Nahrungsmittelhilfe zu leisten. Das Fernziel blieb die Wiedervereinigung, doch wurde sie zunächst zugunsten der Suche nach einer neuen Friedensordnung hintangestellt. So schlug Kim unter anderem vor, dass Seoul und Pjöngjang Sondergesandte austauschten, um den innerkoreanischen Aussöhnungsvertrag von 1991 zu realisieren. Kim wurde dabei von der Einsicht gelenkt, dass beide Staaten ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen müssen. Sonnenschein resultierte in den Ausbau der politischen Kontakte und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten, zwei Nord-Süd-Gipfeltreffen sowie eine Reihe von kurzzeitigen Zusammenführungen auseinandergerissener koreanischer Familien. Als historisch wurde der erste innerkoreanische Gipfel im Juni 2000 in Pjöngjang gefeiert. Kim Dae-jung und der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-il einigten sich auf eine gemeinsame, allerdings sehr weit gefasste Erklärung über Aussöhnung und Zusammenarbeit. Das Treffen ebnete unter anderem den Weg für die Wiederherstellung von Verkehrsverbindungen durch zwei Grenzkorridore sowie wirtschaftliche Kooperationsprojekte wie beispielsweise den Industriepark in der nordkoreanischen Grenzstadt Kaesong. Allerdings blieb die Hoffnung, dass Nordkorea weitere Schritte in Richtung Marktwirtschaft gehen würde, später weitgehend unerfüllt.

Hoffnung auf Frieden

Sein Versprechen, einen Gegenbesuch in Seoul zu machen, hielt Kim Jong-il darüber hinaus nicht ein. Das Treffen wurde jedoch international sehr positiv aufgenommen, da er auch die Hoffnung auf eine dauerhafte Friedenslösung für Korea weckte. Getrübt wurde die Bewertung später durch Ermittlungen zu heimlichen südkoreanischen Transferleistungen an Nordkorea in Höhe von 100 Millionen Dollar kurz vor dem Gipfel. Das Geld war Teil weit höherer Summen, die Nordkorea über das südkoreanische Unternehmen "Hyundai Asan" erhalten hatte. Wenn, so die Frage vieler Südkoreaner, Nordkorea schon für den Gipfel bezahlt werden musste, wie ernst war es dem Regime dann wirklich mit der Aussöhnung? Viele Kritiker fühlten sich in ihrer Meinung bestätigt, die "Sonnenschein"-Politik bringe Nordkorea zahlreiche Vorteile, ohne dass es jedoch selber zu viele Gegenleistungen erbringen müsse. Bei dem zweiten Gipfel in Pjöngjang, zu dem Präsident Roh Moo-hyun ein Jahr nach dem ersten Atomtest in Nordkorea im Oktober 2007 ebenfalls gereist war, wurden unter anderem weiterführende Vereinbarungen im wirtschaftlichen Bereich getroffen. Wenige Monate nach dem Treffen gab es mit Lee Myung-bak jedoch schon einen neuen Präsidenten in Südkorea, der eine Überprüfung der Gipfelabmachungen ankündigte.

Keine Alternative

Die "Sonnenschein"-Politik ist heute weitgehend Geschichte. Deren beiden wichtigsten Förderer sind tot. Roh Moo-hyun hatte im Mai 2009 angesichts von Korruptionsvorwürfen gegen seine Familie Selbstmord begangen (Artikel rechts). Bei der Trauerfeier für seinen Nachfolger waren Kim Dae-jung oder DJ, wie er von den Südkoreanern genannt wurde, Tränen gekommen. "DJ könnte auch wegen des Tods des Sonnenscheins geweint haben", schrieb der langjährige Korea-Kenner Donald Kirk. "Heimlich für Milliarden gekauft, genug um ein Nuklearprogramm zu finanzieren, während die Mehrheit der 24 Millionen Nordkoreaner in grausam erzwungenem Schweigen leidet, war Sonnenschein ein Trugbild", lautete sein Urteil. Für ihre Kritiker war die Politik von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil sie die repressive Natur des Regimes in Pjöngjang und den Unwillen, sich zu verändern, ignoriert habe. Für viele Südkoreaner kam die erste Ernüchterung, als Nordkorea im Oktober 2002 gegenüber den USA die Existenz eines heimlichen Atomprogramms zugab. Doch sind sich viele Befürworter sicher, dass zahlreiche Elemente von "Sonnenschein" eines fernen Tages wieder aufgenommen werden. Für sie gab es im Umgang mit dem Nachbarstaat letztlich keine Alternative, da nur eine Politik der Einbindung Nordkoreas eine friedliche Koexistenz verspricht.

Der Autor ist Korrespondent in Südkorea.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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