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Sebastian Ratzer
Warmer Schal gegen die Eiszeit

KOREA Die Beziehungen zwischen dem Norden und Süden haben sich weiter verschlechtert

Zehntausend Schals für Nordkorea. Das ist das Ziel. Yi Chong-ok sitzt in ihrer Wohnung in Ilsan nahe Seoul. Sie hat Platz genommen in dem Sessel gegenüber, ein Stapel halbfertiger Schals auf dem Couchtisch erschwert den Blickkontakt. Sie erzählt über ihr Projekt. Im Herbst will sie fertig sein.

Doch zwischen Nord- und Südkorea herrscht wieder Eiszeit. Seit dem Antritt des konservativen südkoreanischen Präsidenten Lee Myung-bak im Februar 2008 haben sich die Spannungen auf der Halbinsel verschärft. Anders als seine Amtsvorgänger knüpft Lee die Hilfe an strenge Bedingungen. Nordkorea reagierte mit einer Reihe von Provokationen, darunter ein neuer Atomtest und Raketenstarts. Die Regierung in Seoul stoppte anschließend ihre Hilfslieferungen für den Norden. Selbst private Organisationen durften eine Zeit lang nichts liefern - auch keinen Schal.

Die Situation ist festgefahren. Ohne eine neue Runde der atomaren Abrüstungsgespräche mit Pjöngjang ist offenbar kein Fortschritt in den innerkoreanischen Beziehungen möglich.

Tourismusprojekt vor dem Aus

Kim Young-yoon sitzt in einem Grillfleisch-Restaurant im südkoranischen Seoul. Was denkt er über die Entwicklungen in den innerkoreanischen Beziehungen? Er holt tief Luft und sagt: "Alles geht kaputt". Der Ökonom sagt das auf Deutsch, er hat in Bremen seine Doktorarbeit geschrieben. Er forscht für die staatliche Denkfabrik Korea Institute for National Unification. Davor arbeitete er im Vereinigungsministerium, half mit, den wirtschaftlichen Austausch zwischen den Koreas ins Rollen zu bringen. "Doch meine ganze Arbeit war umsonst", sagt er enttäuscht.

Wenige Tage zuvor konfiszierte Nordkorea südkoreanische Gebäude im Kumgang-Gebirge und wies südkoreanisches Personal aus. Südkorea hatte die Reisen in das Gebirge eingestellt, nachdem dort im Juli 2008 eine Touristin in Sperrgebiet erschossen worden war. Das im November 1998 begonnene Kumgang-Tourismusprogramm war ein vielversprechendes Symbol für den innerkoreanischen Austausch. Jetzt will Nordkorea sich neue Geschäftspartner suchen.

Yi Chong-ok strickt, während sie weiter über ihr Vorhaben erzählt. Die Schals sollen an nordkoreanische Kinder verteilt werden. Der Rundschal kann auch wie eine Mütze getragen werden. Sie demonstriert das jetzt. Die 71-Jährige ist Vorstandsmitglied der Organisation "Friends of Love", die auch humanitäre Hilfe für Nordkorea leistet.

Sie strickt ein bis zwei Schals am Tag. Zeit dafür findet sie während der Fahrt mit der U-Bahn. Dort kommt sie häufig mit anderen Fahrgästen ins Gespräch und erntet Zustimmung. "Die Menschen sind bereit, Nordkoreanern zu helfen, vor allem Kindern."

Schiffsuntergang schürt Sorgen

Zurück in Seoul. Zwei Marine-Gefreite im Dienstanzug blicken auf das Foto des Kriegsschiffs "Cheonan". Hier auf dem Rathausplatz wurde eine Fotoausstellung zum Gedenken an die Havarie eröffnet, gleich neben einem Traueraltar für die Opfer. 46 Menschen starben bei dem Unglück am 26. März dieses Jahres.

"Im Moment zählt einzig die Trauer um die Opfer", sagt einer der Gefreiten. Seinen Namen möchte er nicht nennen. Auch die Büroangestellte Kim Young-sook schaut sich die Fotoausstellung an. Sie sagt: "Es ist traurig, was passiert ist. Doch Angst vor einem Krieg habe ich nicht." Auf nordkoreanische Provokationen reagieren die Südkoreaner erstaunlich gelassen. Doch der Untergang der "Cheonan" hat Sorgen geschürt, dass sich das Verhältnis zu Nordkorea weiter verschlechtert. 67 Prozent der Südkoreaner treibt diese Sorge um. Das ergab eine am 2. Mai veröffentlichte Umfrage für die Wochenzeitung "JoongAng Sunday". Die Angst ist größer als nach Nordkoreas erstem Atomtest im Jahr 2006.

Knapp drei Wochen später wurde aus der Sorge Gewissheit. Eine internationale Ermittlerkommission kam zu dem Ergebnis, dass ein nordkoreanischer Torpedo die Korvette versenkte. Daraufhin verschärften sich die Spannungen.

Die Regierung Lee verhängte als offizielle Reaktion auf den Vorfall neue wirtschaftliche Sanktionen. Südkoreanische Regierungsmitarbeiter mussten daraufhin den gemeinsamen Industriepark im nordkoreanischen Kaesong verlassen.

Schlechte Aussichten

Dem Gelehrten Kim gefällt das gar nicht. Er rechnet mit einem Stopp des Kooperationsprojekts. In dem Industriepark nahe der Grenze haben sich mehr als 100 Unternehmen angesiedelt. Südkorea stellt Kapital und Technik bereit, Nordkorea billige Arbeitskräfte.

Das Projekt gilt als wichtige Devisenquelle. Kann Nordkorea darauf verzichten? Kim meint, vor allem die Unternehmen dort profitierten. Nordkorea könne einen Stopp in Kauf nehmen. Er erklärt, warum er so skeptisch ist.

Seit den Terroranschlägen vom 11. September habe das Regime in Pjöngjang Angst ums Überleben. Aus Furcht vor einem US-Angriff halte die nordkoreanische Führung an den atomaren Bemühungen fest. Auf Südkoreas hohe Forderungen könne Nordkorea nicht eingehen. "Solange keine Seite nachgibt, werden sich die Beziehungen verschlechtern", sagt er mit lauter Stimme. Kim war als Ministeriumsbeamter mehrmals in Nordkorea.

Er erzählt, wie er sich bei offiziellen Terminen davonschlich, in kümmerliche Häuser blickte. Zum Schutz vor Dieben wurden die Tiere im Haus gehalten. "Die Menschen dort sind bettelarm, der Stopp der Hilfslieferungen ist der falsche Weg."

Yi Chong-ok strickt, so wie früher. Ihr Mann war in der Demokratiebewegung aktiv. Einige Jahre hatte die Familie in Deutschland Zuflucht gesucht. Sie strickte Pullover und unterstützte mit dem Verkaufserlös Mitstreiter.

Zuversicht

Ihr geht es darum, zu helfen. Warme Schals als von Herzen kommende Botschaft. Hat sie keine Sorge, auf den Strick-Werken sitzen zu bleiben? "Nein, es gibt immer Wege, auch wenn die Beziehungen eingetrübt sind." Sie wirkt sehr zuversichtlich, während sie das sagt.

Kim Young-yoon erfährt von ihrem Vorhaben und sagt daraufhin: "Ich fürchte, sie wird die Schals nicht verschicken können." Yis Chong-oks Zuversicht würde das nicht erschüttern. Zehntausend Schals für Nordkorea. Das ist das Ziel. Trotz oder gerade wegen der Eiszeit.

Der Autor ist Redakteur beim südkoreanischen Auslandrundfunk KBS WORLD Radio.

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