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Interview mit Andrei Lankov, Dozent für koreanische Geschichte an der Kookmin-Universität in Seoul
FÜnf FRAGEN ZU: NORDKOREA

Professor Lankov, China gilt als Nordkoreas einziger Verbündeter. Wie groß ist Pekings Einfluss?

Der Einfluss ist gering. Niemand hat einen Hebel, mit dem sich die Nordkoreaner wirklich unter Druck setzen ließen. Trotzdem sind die Chinesen diejenigen, die von allen Ländern den besten Zugang zur Führung in Pjöngjang haben. Sie wissen, wer sich kaufen lässt, und womit.

Welche Ziele verfolgt Pekings Nordkoreapolitik?

Chinas oberste Priorität ist Stabilität. Peking kann keinerlei Unruhe, Bürgerkrieg oder militärischen Konflikt in seiner Nachbarschaft gebrauchen. Deswegen sorgen die Chinesen zum Beispiel mit Lebensmittellieferungen dafür, dass es in Nordkorea zu keiner echten Hungersnot kommt, die das Land destabilisieren könnte. An zweiter Stelle steht die Aufrechterhaltung der koreanischen Teilung. Peking braucht Nordkorea als Pufferstaat zu Südkorea und den dort stationierten US-Truppen. Die nukleare Abrüstung spielt für die Chinesen nur eine untergeordnete Rolle.

Verfolgt China in Nordkorea nicht auch starke wirtschaftliche Interessen?

Die Chinesen versuchen, in Nordkorea alles unter Kontrolle zu bekommen, was sie bekommen können, denn das erhöht ihren politischen Einfluss. Sollte das Land einmal zusammenbrechen, wird die Welt wohl feststellen, dass alle Rohstoffe längst in chinesischer Hand sind.

Bei Staatsbesuchen führt China nordkoreanischen Politikern immer wieder die Erfolge ihrer Modernisierungspolitik vor. Wären Wirtschaftsreformen nach chinesischem Vorbild für Nordkorea ein gangbarer Weg?

Nein, Pjöngjangs Elite weiß sehr genau, dass Reformen chinesischer Art sie ihre Macht kosten würden. Denn Nordkorea ist nicht mit China oder Vietnam zu vergleichen, sondern eher mit der Sowjetunion: Sobald man Änderungen am System vornimmt, bricht es zusammen. Ohne Reformen ist es aber durchaus vorstellbar, dass Nordkoreas Regime sich noch jahrzehntelang an der Macht hält.

Genauso gut könnte das Regime aber auch unter der nächsten internen Krise zusammenbrechen. Was passiert dann?

Für einen Kollaps gibt es zwei Szenarien: Entweder die Chinesen übernehmen das Kommando und installieren eine ihnen ergebene Führung, oder es gibt eine Wiedervereinigung mit Südkorea. Natürlich ist das alles ausgesprochen spekulativ, aber ich halte die chinesische Lösung für wahrscheinlicher - nicht zuletzt, weil die Südkoreaner große Angst vor einer Wiedervereinigung haben. Es widerspricht zwar ihrem Nationalstolz, dass die Chinesen sich in koreanische Angelegenheiten einmischen, aber im Stillen sind sie doch froh, dass der Status quo mit Chinas Hilfe aufrecht erhalten wird.

Die Fragen stellte

Bernhard Bartsch.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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