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Sebastian Ratzer
Zwei Jahre für die Landesverteidigung

WEHRDIENST Pflicht für alle Männer - ohne Ausnahme

Seit Patrouillieren und Wache halten bestimmten seinen Soldatenalltag. Zwei Jahre lang schob Lee Woo-cheol Dienst an der schwer bewachten innerkoreanischen Grenze. Zwei verlorene Jahre. So beurteilen südkoreanische Männer ihre Zeit beim Militär. Auch Lee möchte nicht zurück an die Grenze. "Ich bin froh, dass es vorbei ist", sagt der 26-jährige Angestellte. In Südkorea besteht allgemeine Wehrpflicht für Männer. Weil beide Koreas sich offiziell noch im Kriegszustand befinden, ist die Zeit lang. Trotz Wehrdienstverkürzung dauert der Dienst beim Heer zurzeit 21 Monate, bei der Marine 23 und der Luftwaffe 24 Monate. Zum Militär müssen alle männlichen Südkoreaner, alternativ kann der Dienst bei der kasernierten Polizei abgeleistet werden. Ein Recht auf Verweigerung sieht die Verfassung nicht vor. Nur wer für den Dienst an der Waffe ungeeignet ist, absolviert einen Ersatzdienst in der öffentlichen Verwaltung. Die Musterung erfolgt nach Beendigung des 19. Lebensjahrs. Die meisten unterbrechen ihr Studium, um den Wehrdienst abzuleisten.

Waffen verteilt

Auch nach Ende ihres Wehrdienstes müssen die Männer an Reservistenübungen teilnehmen. Acht Jahre lang werden bis zu zehn Stunden jährlich absolviert. In diesem Zeitraum müssen ehemalige Rekruten im Verteidigungsfall zu ihrer Truppe zurückkehren. Später werden sie dem Zivilschutz zugeteilt, so wie Cha Hong-sung. Der 32-Jährige wurde vor neun Jahren aus dem Wehrdienst entlassen. "Im Kriegsfall müsste ich mein Wohngebiet verteidigen", sagt der Angestellte. Dort würden dann Waffen verteilt. Wo genau, wisse er nicht. Man merkt ihm an, dass er diesen Fall noch nicht gedanklich durchgespielt hat. Auch Lee Woo-cheol ist überzeugt, dass er nicht zurück an die Grenze muss. "An Krieg denke ich nicht, es wird nichts passieren."

Wegen der langen Wehrdienstdauer genossen gediente Wehrpflichtige lange Vorteile bei der Arbeitsplatzsuche. In Auswahlverfahren bekamen sie Bonuspunkte angerechnet. Doch im Jahr 1999 kippte das Verfassungsgericht die Regelung. Das Bonuspunkte-System sei eine Diskriminierung von Frauen und Männern, die keinen Werdienst leistet, urteilte die Richter damals. Nun werden Forderungen laut, die Bonuspunkte erneut einzuführen. 83 Prozent hatten sich in einer im Februar veröffentlichten Umfrage der Wehrdienstbehörde dafür ausgesprochen. Wer sich vor dem Dienst drücken will, begeht eine Straftat. Zwar führen Bestechungsversuche nicht mehr zum Erfolg, doch heute noch wird versucht, Krankheiten vorzutäuschen. In Südkorea herrscht Einigkeit darüber, dass ein solcher Täuschungsversuch bestraft werden muss. Doch neben Betrügern droht auch Kriegsdienstverweigerern eine bis zu fünfjährige Haftstrafe. Wer den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen ablehnt, hat keine andere Option, denn die Möglichkeit eines Zivildienstes besteht nicht.

Zuletzt hatte sich der Oberste Gerichtshof im Jahr 2005 mit der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen befasst. Sein Urteil: Obwohl die Verfassung Gewissensfreiheit garantiert, habe die Pflicht zur Landesverteidigung Vorrang. Die Richter begründeten die Entscheidung mit der sicherheitspolitischen Lage der koreanischen Halbinsel. Dennoch verweigern immer wieder Männer den Wehrdienst und nehmen eine Gefängnisstrafe in Kauf - meist aus religiösen Gründen und weil sie ihrem Gewissen treu bleiben wollen. "Im März 2010 waren mindestens 772 Kriegsdienstverweigerer eingesperrt", sagt Park Seung-ho von der Menschenrechtsorganisation "Amnesty International Korea". Ihre Entscheidung gegen den Militärdienst müssen sie teuer bezahlen. Auch nach ihrer Haftentlassung erleiden sie Diskriminierung. Der Zugang zum öffentlichen Dienst ist faktisch versperrt, da ein Einstieg frühestens fünf Jahre nach Haftende möglich ist. "Nach mindestens 18 Monaten im Gefängnis überstehen Kriegsdienstverweigerer Bewerbungsverfahren in Privatunternehmen in der Regel nicht", weiß der Menschenrechtsexperte. Die Organisation setzt sich dafür ein, dass der Dienst in der Armee aus Gewissensgründen abgelehnt und stattdessen Zivildienst geleistet werden kann. "Diese Möglichkeit muss selbst in Kriegszeiten bestehen", sagt Park. Der Konflikt um die Versenkung der "Cheonan" liefert jenen Kritikern Argumente, die einen Zivildienst mit dem Hinweis auf die schwierige Sicherheitslage ablehnen. Allgemein akzeptieren südkoreanische Männer den Wehrdienst als Notwendigkeit. Sie können ihrer Zeit beim Militär auch Positives abgewinnen. "Es war gut für meine Gesundheit", sagt Cha Hong-sung. Zu vielen Kameraden habe er noch Kontakt. Auch Lee Woo-cheol möchte die Erfahrungen als Soldat nicht missen. War der Dienst am Grenzzaun zu gefährlich? Nein, Zwischenfälle habe es keine gegeben. Nicht einen Nordkoreaner habe er dort gesehen, nur Tiere. "Mein größter Feind", sagte er, "war die Müdigkeit."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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