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Peter Boßdorf
Katalysator für die Wiederbewaffnung

DEUTSCHLAND Der Korea-Krieg schien den US-Amerikanern als Vorbote einer globalen Auseinandersetzung

Als die nordkoreanische Armee am 25. Juni 1950 über den 38. Breitengrad hinweg in den Süden des geteilten Landes vorrückte, löste sie eine Schockwelle aus, die insbesondere die Westeuropäer erfasste. Zwar war ihr Misstrauen gegenüber den Absichten der im Jahr zuvor zur Atommacht aufgestiegenen Sowjetunion ungebrochen. Hatte aber nicht gerade die soeben überstandene Berlin-Krise gezeigt, dass die zwischen den einstigen Alliierten der Anti-Hitler-Koalition aufgebrochenen Gegensätze friedlich zu meistern wären? Und durfte es nicht als möglich, ja wahrscheinlich gelten, dass der Diktator im Kreml sich mit dem zufrieden geben könnte, was ihm der Zweite Weltkrieg in die Hand gespielt hatte?

Hamsterkäufe

Drei Monate vor dem Ausbruch der Kampfhandlungen in Korea erschienen zumindest die Westdeutschen keineswegs pessimistisch. In einer demoskopischen Erhebung äußerten 74 Prozent der Befragten, dass nach ihrer Auffassung kein neuerlicher Weltkrieg unmittelbar bevorstünde. Nachdem der erste Schuss im fernen Ostasien gefallen war, sank diese Rate rasch auf 47 Prozent. Wie ausgeprägt die Kriegsängste waren, ließ sich an den Hamsterkäufen ablesen, die in West und Ost einsetzten. Lang haltbare Lebensmittel, Winterkleidung, Rucksäcke und Fahrräder wurden knapp; viele Deutsche begannen sich auf kriegsbedingte Versorgungsengpässe und Flucht vorzubereiten.

Ein Szenario, in dem sie in einem Konflikt als Soldaten würden kämpfen müssen, stand ihnen dabei nicht vor Augen. So groß der Gegensatz zwischen der Sowjetunion und den Westmächten mittlerweile auch geworden sein mochte, so schienen sie doch an der gemeinsamen Übereinkunft festzuhalten, dass Deutschland nachhaltig zu demilitarisieren sei. Der Korea-Krieg ließ diese Maxime jedoch schnell zu Makulatur werden. In der US-amerikanischen Lagebeurteilung erschien der durch die nordkoreanischen und chinesischen Stellvertreter Moskaus ausgetragene Konflikt als Vorbote einer globalen Auseinandersetzung, auf die es sich an der anderen Nahtstelle zwischen Ost und West, in Europa, einzustellen gelte. Die US-Streitkräfte allein würden jedoch einer sowjetischen Invasion nicht standhalten können. Es sei daher ein Verteidigungsbeitrag der Europäer und hier insbesondere der Deutschen einzufordern. Am 29. August 1950 erklärte die Bundesrepublik dazu offiziell ihre Bereitschaft. Konzeptionelle Planungen waren bereits auf den Weg gebracht worden. Die Befürchtungen, die Ereignisse in Korea könnten das Muster für einen vergleichbaren Konflikt in Europa abgeben, erfüllten sich nicht.

Die Einbindung der Bundesrepublik in ein westliches Bündnis, nunmehr die Nato, und die Aufstellung der Bundeswehr wurden erst 1955 Realität. Zu diesem Zeitpunkt schwiegen die Waffen in Korea bereits seit zwei Jahren. Der Korea-Krieg war aber nicht allein "Katalysator" für Wiederbewaffnung und Westintegration der Bundesrepublik. Er führte zugleich zu einer rasant wachsenden Nachfrage nach deutschen Produkten im Ausland, die aufgrund bislang brach liegender Industriekapazitäten zügig bedient werden konnte. Die starke Position Deutschland im Welthandel nahm hier ihren Ausgang.

Der Autor lebt und arbeitet als freier Journalist in Königswinter.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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