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Sophie Mühlmann
Oliven im exakten Abstand

LUXUS Italiener sollten die Kunst des Pizzabackens lehren

Kim Jong-il ist ein Lebemann. So ließ er zu seinem eigenen leiblichen Wohl in den 1990er Jahren zwei italienische Pizzabäcker einfliegen. Sie sollten Armeeköche in der Kunst des Pizzabackens drillen. Einer der Köche, Ermanno Furlanis, hat seine Erfahrungen in dem Online-Magazin "Asia Times" erzählt.

Danach mussten sich die Italiener bei ihrer Ankunft in Pjöngjang Röntgenuntersuchungen und Gehirnscans unterziehen sowie Blut- und Urinproben abliefern. Erst dann wurden sie in Kim Jong-ils Marmorpalast eingelassen. Furlanis beschreibt seine erste Tour durch Pjöngjang: Eine futuristisch anmutende, doch gespenstisch leere Megastadt: "Hinter jeder Ecke springen einem Wandmalereien entgegen, die legendäre Szenen aus dem Leben des Führer-Helden und seiner Familie darstellen."

Der "geliebte Führer" selbst lebt offenbar in Saus und Braus. Furlanis berichtet, dass Geld keine Rolle spielt, wenn es um die lukullischen Gelüste des Staatschefs geht: "Immer wieder mal tauchte eine Art Kurier aus irgendeiner Ecke der Welt auf. Ich sah ihn zweimal zwei enorme Kisten mit einer Sammlung sehr teurer französischer Käsesorten ausladen. Dazu eine Kiste mit hochkarätigen Weinen. An jenem Abend wurde zum Dinner ein exzellenter Burgunder mit Delikatessen aus aller Welt serviert."

Die "Lehrlinge", berichtet Furlanis, wollten alles ganz genau wissen. Sogar die exakten Abstände zwischen den einzelnen Oliven auf der Pizza sollte er ihnen nennen. Kim selber hat offenbar persönlich jeden Schritt des Pizza-für-Nordkorea-Prozesses genauestens verfolgt. Einmal soll er selbst zur Inspektion vorbeigeschaut haben: "Der Mann von den Wandgemälden, der Nachfolger des Erfinders der Chuch'e-Ideologie, dessen Leibesumfang dem Maß seiner Macht entsprach, gefolgt von seiner Entourage. Der Führer-Held war sofort an seinem typischen Haarschnitt wiederzuerkennen, einem eigenen Stil, einmalig nicht nur in Korea, sondern auch im Rest der Welt."

Ob Kim Jong-il es aber tatsächlich höchstpersönlich war, den er da von seinem Küchenfenster aus erblickt hat, mag Furlanis nicht beschwören: "Ich kann nicht sagen, ob er es wirklich war", erinnert sich der Italiener, "aber unser Küchenchef, der keinen Grund hatte, mich anzuschwindeln, war einige Minuten lang total sprachlos. Er sagte, er habe ich sich gefühlt, als habe er Gott gesehen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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