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Martin Fritz
Den nuklearen Rubikon überschritten

ATOMBOMBE Politische Beobachter gingen lange Zeit davon aus, dass Nordkoreas Drohung nur der Erpressung diente. Jetzt sind die Würfel gefallen

Die verrauschte Botschaft kam über Kurzwelle: Am 6. Oktober 2006 mittags Ortszeit verkündete das nordkoreanische Staatsradio, das kommunistische Land habe erfolgreich und sicher eine Atombombe gezündet. Das unterirdische Experiment sei mit einheimischer Weisheit und Technik erfolgt, so die offizielle Prosa von Nordkorea. Dieses historische Ereignis werde zu Frieden und Stabilität auf der koreanischen Halbinsel und in der Region beitragen. Nordkorea habe sich stets eine so mächtige und zuverlässige Waffe gewünscht, um sich selbst zu verteidigen.

Knapp zwanzig Jahre nach der Inbetriebnahme des Atomreaktors von Yongbyon 1987 hatte Nordkorea damit den nuklearen Rubikon überschritten. Mit dem zweiten Test am 25. Mai 2009 unterstrich das Land seinen Status als Nuklearmacht. Dass der atomare Geist auf der koreanischen Halbinsel einmal seine Flasche verlassen würde, war allerdings keine zwangsläufige Entwicklung.

Lange Zeit konnten politische Beobachter davon ausgehen, dass Nordkoreas Drohung mit der Atombombe in erster Linie der Erpressung diente. Denn der Nuklearkomplex von Yongbyon wurde oberirdisch und so für US-Satelliten sichtbar angelegt. Die dazugehörige Botschaft an die USA lautete: Wir sind gefährlich, aber würden auf die Bombe verzichten, falls dies politisch und wirtschaftlich honoriert wird.

Forderung nach Friedensvertrag

Ihre Ziele hat Nordkoreas Führung immer offen formuliert. Prinzipiell sollen die USA Nordkorea nicht mehr als Feind behandeln und die Herrschaft der Kim-Familie anerkennen. Im Detail fordert Pjöngjang einen Friedensvertrag als Schlusspunkt des Korea-Krieges, diplomatische Beziehungen, den Abzug der US-Truppen aus Südkorea, das Ende aller Sanktionen und massive Wirtschaftshilfe.

Die erste Atompokerrunde wurde 1993/94 ausgespielt. Pjöngjang verließ den Atomwaffensperrvertrag und begann mit der Wiederaufarbeitung von plutoniumhaltigen Brennstäben. Doch das Kriegsgeschrei endete im Genfer Rahmenabkommen mit einem Tauschgeschäft: Für die Stilllegung von Yongbyon sollte Nordkorea zwei Kernkraftwerke und Öllieferungen im Wert von zusammen 4,5 Milliarden US-Dollar erhalten. Mit diesem Deal konnte der "Große Führer" Kim Il-sung das Überleben seiner Herrschaft nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sichern.

Die zweite Atomkrise knapp zehn Jahre später folgte zunächst einem ähnlichen Muster. US-Präsident George W. Bush reihte Pjöngjang im Januar 2002 in die "Achse des Bösen" ein und bereitete wegen angeblicher Massenvernichtungswaffen einen Krieg gegen den Irak vor. Dadurch sah sich die Führung in Pjöngjang als mögliches Ziel eines weiteren US-Angriffes. Im Herbst 2002 unterstellte der US-Sondergesandte James Kelly Pjöngjang dann die heimliche Urananreicherung. Die versprochenen Reaktoren waren da immer noch im Rohbau.

Unberechenbar und verrückt

Zum zweiten Mal baute Pjöngjang eine atomare Schreckenskulisse auf. Es trat erneut aus dem Sperrvertrag aus, fuhr den Reaktor wieder hoch und nahm die Plutoniumfabrik in Betrieb. Gary Samore vom Londoner Institut für Strategische Studien schilderte das nukleare Alptraum-Szenario damals so: "Atombomben vergrößern den Schaden eines zweiten Korea-Krieges, ein Weiterverkauf von Spaltmaterial wird wahrscheinlicher, auch die Nachbarn Japan und Südkorea könnten sich atomar bewaffnen." Die westliche Presse spielte mit und porträtierte Staatschef Kim Jong-il als unberechenbaren Verrückten.

Trotzdem saß Nordkorea schon Ende August 2003 bei den Sechser-Gesprächen in Peking mit Gastgeber China, den USA, Südkorea, Japan und Russland am Verhandlungstisch. Wie zehn Jahre zuvor sollte Nordkorea dort sein Atomprogramm gegen Sicherheitsgarantien und wirtschaftliche Hilfe tauschen. Doch diesmal bestand auf US-Seite kein politischer Wille für ein solches Geschäft. Nordkorea wiederum machte nur auf chinesischen Druck mit und wollte lieber direkt mit den USA verhandeln. Daher konnten sich die sechs Parteien erst beim fünften Treffen im September 2005 auf eine Verhandlungsbasis einigen.

Parallel dazu setzten die USA internationale Banken unter Druck, ihre Geschäfte mit Nordkorea einzustellen. Bald war dadurch bargeldloser Zahlungsverkehr mit dem Ausland für Nordkorea kaum noch möglich. Selbst Privatkonten im Ausland wurden eingefroren. Darauf reagierte die nordkoreanische Führung auf ihre Weise: Mit dem Atomtest im Oktober 2006 stellte sie klar, dass es kein Bluff gewesen war, als sie im Februar 2005 ihr Land offiziell zur Nuklearmacht erklärt hatte. Trotz der scharfen Verurteilung des Atomtests durch die Vereinten Nationen kam daher schnell Bewegung in die Sechser-Verhandlungen. Bush ging nun auf Kompromisskurs, so dass innerhalb weniger Monate eine Einigung gelang. Die Atomanlage Yongbyon wurde im Juli 2007 stillgelegt und der Reaktorkühlturm im Juni 2008 gesprengt. Im Gegenzug hoben die USA Handelssanktionen auf und strichen Nordkorea im Oktober 2008 von der Liste der Terrorstaaten. Doch bald stockte die Entspannung. Der neue US-Präsident Barack Obama war mit Afghanistan und der Wirtschaftskrise beschäftigt, während Nordkoreas Führer Kim Jong-il sich von den Folgen eines mutmaßlichen Schlaganfalls erholte.

Wenig später eskalierte der Konflikt zum dritten Mal. Am 5. April 2009 schoss Pjöngjang trotz internationaler Warnungen eine Langstreckenrakete ab. Der angebliche Satellitenstart wurde von den Vereinten Nationen als Test einer ballistischen Waffe gewertet und mit Handelssanktionen geahndet. Darauf erklärte Nordkorea, es werde sich "nie wieder" an den Sechsparteien-Gesprächen beteiligen und sein Nuklearprogramm wieder aufnehmen.

Ein zweiter Atomtest am 25. Mai 2009 unterstrich diesen neuen Kurs. Er sollte letzte Zweifel an seinen atomaren Fähigkeiten ausräumen, die nach der ersten eher schwachen Atomexplosion geblieben waren. Auch die versteckte Urananreicherung wurde nun offiziell zugegeben. Mit dem Raketenschuss wurde demonstriert, dass die Atomwaffe auch militärisch nutzbar wäre.

Die Atomwürfel waren gefallen, weil der nukleare Schild dem Regime einfach zu viele Vorteile bietet. In seinem Schutz kann der "Geliebte Führer" sein Zepter an seinen dritten Sohn Kim Jong-un weitergeben. Die Existenz der Atomwaffe erhöht den Druck auf China, Nordkorea wirtschaftlich zu versorgen, um sich genug politischen Einfluss auf das instabile Land an seiner Grenze zu sichern. Und Nordkoreas Armee, die das Fundament der Kim-Herrschaft bildet, braucht die Atom- und Raketenrüstung, damit die militärische Abschreckung glaubwürdig bleibt, weil ihre konventionellen Waffen völlig veraltet sind. Dass Nordkorea wohl trotzdem an den Verhandlungstisch in Peking zurückkehren wird, ist der politische Preis für Chinas Wirtschaftshilfe. Pjöngjang sieht die Sechser-Gespräche aber nur als Sprungbrett für direkte Verhandlungen mit den USA auf Augenhöhe - von Atommacht zu Atommacht. Es wäre die späte Rache für ein altes nordkoreanisches Trauma.

Während des Korea-Krieges hatte General Douglas MacArthur nämlich den Einsatz von Atomwaffen gefordert. Im Herbst 1951 warfen einzelne B-29-Bomber A-Bomben-Attrappen ab. Wenige Jahre nach dem Krieg stationierten die USA in Südkorea Atombomben. Ihr schneller Einsatz war vorgesehen, falls Nordkoreas Truppen in großer Zahl die Grenze überschritten. Erst 1991 zogen die USA ihre Atommunition aus Südkorea ab. Die Angst vor einem US-Atomangriff war wohl ein zusätzlicher Antrieb für Nordkorea, selbst in Besitz von Nuklearwaffen zu kommen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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