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ORTSTERMIN BEIM: PLANSPIEL »JUGEND UND PARLAMENT«
Stefan Kesselhut
»Vorher war Politik für mich ziemlich weit weg«

Auf den ersten Blick sieht alles normal aus an diesem Vormittag im Paul-Löbe-Haus im Berliner Regierungsviertel. Menschen in Anzügen laufen durch das Gebäude, gehen in Sitzungssäle, unterhalten sich im Foyer.

Wer ihnen ins Gesicht schaut, merkt jedoch schnell, dass hier heute irgendetwas anders ist. Denn keiner von ihnen ist älter als zwanzig. Und doch machen sie Politik: Und zwar beim Planspiel "Jugend und Parlament".

312 junge Frauen und Männer, alle zwischen 16 und 20 Jahren, sind dafür aus ganz Deutschland nach Berlin gereist. Bei der Parlamentssimulation erleben sie vier Tage lang , wie der Bundestag funktioniert. Warum es Fraktionssitzungen gibt. Wozu Ausschüsse da sind. Und wie die Arbeit hinter den Kulissen mit den Debatten im Plenum zusammenhängt. Natürlich kann man das auch in einem Lehrbuch zur politischen Bildung oder im Internet nachlesen. Aber wer sich selbst für einige Tage dem stressigen Alltag eines Abgeordneten aussetzt, spürt nicht nur körperlich, was es bedeutet, Politik zu machen.

Das sieht auch Sherin Wanning (Foto) so. Die 17-jährige Abiturientin wurde vom Abgeordneten ihrer Heimatstadt Osnabrück eingeladen. Und sie ist begeistert. "Politik war für mich vorher ziemlich weit weg und erschien mir ziemlich unpersönlich", sagt Wanning, "ich verstehe jetzt besser, wie Politiker arbeiten und sich verhalten. Bekämen mehr Bürger die Chance, so etwas mitzumachen, würden sie vielleicht nicht mehr so schlecht über Politiker reden."

Dieses bessere Verständnis hat auch damit zu tun, dass das Planspiel die parlamentarische Realität sehr genau abbildet. Die Jugendlichen stimmen sich in Fraktionen ab, debattieren in Ausschüssen, nehmen an ersten, zweiten, dritten Lesungen von Gesetzentwürfen im Plenum teil.

Die Sitzverteilung im Planspiel entspricht, was die politsche Ausrichtung der Parteien betrifft, den echten Mehrheiten im aktuellen Bundestag. Die Namen der Parteien und Abgeordneten sowie deren Biografien haben sich die Organisatoren zwar ausgedacht, unrealistisch sind sie aber nicht. Die Fraktionen der Arbeiterpartei Deutschlands (APD), der Liberalen Reformpartei (LRP), der Partei der sozialen Gerechtigkeit (PSG), der Ökologisch-Sozialen Partei (ÖSP) und der Christlichen Volkspartei (CVP) orientieren sich an ihren realen Vorbildern.

Für vier Tage legen die Jugendlichen ihre reale Identität ab, schlüpfen in die Rolle eines fiktiven Abgeordneten, debattieren über Alkoholverbote für Jugendliche oder über die Rente. Wessen Identität die Jugendlichen übernehmen und in welcher Fraktion sie Mitglied sind, können sie sich nicht aussuchen. Da passiert es schon einmal, dass Jugendliche im Planspiel Ansichten vertreten müssen, die für sie im echten Leben niemals in Frage kämen. Sherin Wanning zum Beispiel ist in ihrer Heimatstadt Osnabrück Juso-Mitglied. Als Kim van Beersten, Mitglied der Fraktion der "Partei für soziale Gerechtigkeit" (PSG), muss sie aber versuchen Positionen durchzusetzen, die in der Realität eher die Linkspartei vertreten würde.

Die Rolle beinhaltet mehr, als nur zu einer bestimmten Fraktion zu gehören. Deshalb tritt Wanning alias Frau van Beersten nicht nur als PSG-Abgeordnete, sondern auch als Mittfünfzigerin, zweifache Mutter und Bayerin auf. In der Sitzung des Jugendausschusses zum Thema Alkohol ist sie die Wortführerin der linken PSG und verweist immer wieder auf eines ihrer beiden Kinder. Außerdem hat sich Wanning in den vergangenen Tagen einen bayerischen Akzent antrainiert. Den legt die Niedersächsin auch in den Pausen nicht ab.

Vier Tage Sitzungen, vier Tage Stress, vier Tage im Leben eines Politikers. Das reicht dann aber erst einmal, oder? Für Sherin Wanning könnte es erst der Anfang sein. Denn sie hat Feuer gefangen: "Ich kann mir vorstellen, selber in die Politik zu gehen. Vor dem Planspiel war das nicht so. Hoffentlich geht es im echten Parlament auch so lebendig zu wie bei uns", sagt Wanning.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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