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Doris Bulau
Berührungsängste zwischen Beduinen und Israelis

ISRAEL Tiefe kulturelle Gegensätze erschweren die Beziehungen zueinander. Jetzt geht Israel auf das Hirtenvolk zu

Vor mehr als 60 Jahren verkündete David Ben Gurion, der erste Premierminister Israels: "Negev-Land ist für jüdische Bürger reserviert, wann und wo immer sie es wünschen. Wir müssen die Araber vertreiben und werden ihren Platz einnehmen." Viele arabische Beduinen mussten daraufhin die 13.000 Quadratkilometer große Negev-Wüste verlassen, die die Hälfte des israelischen Staates ausmacht. Den meisten fehlte der Nachweis über ihren Landbesitz. 1951 wohnten nur noch knapp 13.000 von einst 90.000 Beduinen in der Ödnis. Heute machen sie wieder 25 Prozent der Negev-Bevölkerung aus, jedoch besitzen sie nur zwei Prozent des Landes. Weil die Wüste zu 85 Prozent militärisches Sperrgebiet ist oder unter Naturschutz steht, ist der Lebensraum für die Nomaden knapp geworden.

Die Beduinen hatten über vier Jahrtausende als Landwirte oder Viehzüchter in der Wüste gelebt. Nun waren viele gezwungen, als schlecht bezahlte Arbeitskräfte ihren Lebensunterhalt in umliegenden Orten bestreiten. Sie wurden in staatliche Planstädte umgesiedelt und mussten ihre traditionelle Lebensweise aufgeben. Die Hälfte der Beduinen führt in diesen Siedlungen ein Leben in Armut und Arbeitslosigkeit. So in Rahat, der mit 40.000 Einwohnern größten und ältesten der sieben Beduinenstädte, die die Israelis bauten: Wasser und Strom fließen hier nur stundenweise, es gibt kaum Schulen und Krankenhäuser. Weil viele Beduinen nicht in diese Städte ziehen wollen, entstanden über 45, von Israel nicht anerkannte Beduinensiedlungen. Strom kommt dort nur aus Generatoren, fließendes Wasser gibt es selten, Schulen müssen selber organisiert werden.

Die israelische Regierung wirbt indes für ein "Südwärts-Programm"; neue Gebiete sollen in der Wüste erschlossen werden. Hussein al-Rafaya, Direktor der nicht anerkannten Dörfer, sagt jedoch: "Wenn Israel über die Entwicklung des Negev spricht, meint die Regierung: Die Beduinen müssen weg für jüdische Siedlungen und das Militär."

Bei israelischen Politikern macht sich allmählich ein Umdenken breit angesichts der Lage der Beduinen. Eine vom Staat beauftragte Kommission, geleitet vom ehemaligen Richter des Obersten Gerichtshofs Eliezer Goldberg, hat Verbesserungsvorschläge für die Lage der Nomaden erarbeitet. Im Jahr 2008 präsentierte sie ihre Empfehlungen: Israel solle die meisten der bislang illegalen Beduinen-Dörfer anerkennen, hieß es darin. Goldberg betonte: Die "unhaltbaren Zustände" müssten beendet werden, die Beduinen im Negev seien "keine illegalen Ausländer, sondern Bürger Israels mit Rechten wie Pflichten".

Die stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe im Bundestag, Gitta Connemann (CDU), hält die Umsetzung der Empfehlungen für einen wichtigen Schritt: "Trotz aller Fortschritte ist die Situation der Negev-Beduinen noch immer verbesserungswürdig", erläutert sie. "Infrastruktur und Bildung befinden sich in den von Israel angelegten Städten nach wie vor auf einem sehr niedrigen Niveau. Und die Situation der Menschen in den illegalen Dörfern ist äußerst heikel." Dennoch sieht Connemann Israel auf dem "richtigen Weg". Ihre Beobachtung: "Beide Seiten haben viel dazugelernt und Fehler korrigiert."

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Amman/Jordanien.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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