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Johanna Metz
Streiter für das Europäische Parlament

EGON KLEPSCH Trauer um den früheren Präsidenten der EU-Volksvertretung

"Das Europäische Parlament war und ist mächtiger, als man glaubt". Das stellte Egon Klepsch vor zwei Jahren in einem Interview auf "süddeutsche.de" klar und bescheinigte den Abgeordneten der Volksvertretung sogar mehr Einflussmöglichkeiten "als zu Hause im Bundestag". Der CDU-Politiker wusste, wovon er spricht - immerhin war der frühere Bundestagsabgeordnete von 1992 bis 1994 Präsident des Europäischen Parlaments und zuvor 15 Jahre Chef der dortigen EP-Fraktion, dem Zusammenschluss christlich-konservativer Parteien in Europa. In seiner Präsidentschaft wurde der Vertrag von Maastricht besiegelt, der dem EU-Parlament deutlich mehr Kompetenzen und Kontrollmöglichkeiten sicherte. Dafür hat Klepsch immer gekämpft. Im Interview mit "Das Parlament" sagte er im April 1994, es gehe ihm um die "Herstellung eines neuen Gleichgewichts zwischen den EU-Institutionen". Und er schickte gleich noch eine Warnung hinterher, damit bloß niemand auf die Idee kommt, sich auf dem bisher Erreichten auszuruhen: "Wir werden uns nicht damit abfinden, dass das Mitentscheidungsrecht lediglich auf den einheitlichen Binnenmarkt und einige Rahmensektoren beschränkt bleibt. Vielmehr fordern wir die Ausdehnung der Mitentscheidung auf sämtliche Gesetzgebungsaktivitäten".

Am 18. September ist Egon Klepsch nun im Alter von 80 Jahren gestorben - neun Monate nach Inkrafttreten des EU-Reformvertrags von Lissabon. Der hat viele seiner Forderungen wahr gemacht: Das Europäische Parlament ist heute einflussreicher denn je. Nicht wenige sind davon überzeugt, dass das auch sein Verdienst ist. So erklärte der heutige Präsident des Europäischen Parlaments, Jerzy Buzek, Klepsch habe in großem Maße dazu bei getragen, die Volksvertretung "zu dem mächtigen und selbstwussten Europäischen Parlament zu machen, das es heute ist." Und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) würdigte Klepsch als "Europäer der ersten Stunde", der den "Gedanken eines geeinten und friedlichen Europas entscheidend gestärkt habe".

Neues schaffen

Klepschs Engagement für Europa begann schon früh: 1973 zog er als jüngster deutscher Abgeordneter in das EU-Parlament ein, überzeugt davon, nach den Schrecken des Krieges etwas Neues schaffen zu müssen. Diese hat er am eigenen Leib erfahren: 1930 im Sudetenland geboren, kam Klepsch als 15-Jähriger in ein tschechisches Zwangsarbeiterlager. Schwer krank ging er sechs Monate später mit seiner Familie nach Magdeburg, wo er sein Studium begann. Doch auch die DDR wurde ihm keine Heimat. 1950 wurde er wegen "antisowjetischer Hetze" verurteilt und musste in den Westen fliehen. Seine Brüder im Osten konnte er 20 Jahre nicht sehen. Besonders freute er sich daher 1990 über die deutsche Einheit: Für ihn, das berichtete er 1994 dieser Zeitung, war "die Überwindung der kommunistischen Herrschaft in Europa der Höhepunkt in der Geschichte der europäischen Integration".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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