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Alexander Weinlein
Stimmen aus dem Krieg

BUNDESWEHR Soldaten berichten über ihre Erlebnisse und Erfahrungen in Auslandseinsätzen

Ein Befürworter des Afghanis-taneinsatzes der Bundeswehr ist Roger Willemsen ganz sicher nicht. Für ihn ist das militärische Engagement am Hindukusch "ein Krieg, der acht Jahre lang nicht so genannt werden durfte, beschlossen von einer Regierung, die ich nicht gewählt habe, geführt unter falschen Voraussetzungen und mit Hilfe falscher Informationen, durchgesetzt gegen die Mehrheit des Volkes in Deutschland und Afghanistan". Der streitbare Publizist weiß aber auch, dass sich die Gesellschaft den Folgen des Einsatzes stellen muss - egal ob sie ihn mehrheitlich ablehnt oder befürwortet. Und so darf man sein Vorwort, das er für das Buch "Das ist auch euer Krieg!" von Heike Groos geschrieben hat, getrost als Appell verstehen. Als Appell, sich mit der deutschen Afghanistanpolitik auseinanderzusetzen und - vor allem - jenen zuzuhören, die diese Politik vor Ort ausfechten müssen: den Soldaten. Denn sie, so schreibt Willemsen, "kennen den Krieg, wie niemand ihn kennt, und sie kennen auch die Realität hinter der politischen Rhetorik".

Es ist nicht das erste Buch, in dem deutsche Soldaten über ihre Erlebnisse und Erfahrungen in Afghanistan und anderen Einsatzgebieten der Bundeswehr berichten. Heike Groos selbst hat ihre Zeit als Oberstabsärztin in Afghanistan in den Jahren 2001 bis 2003 bereits in ihrem ersten Buch "Ein schöner Tag zum Sterben" verarbeitet. Auch andere ehemalige Soldaten haben zur Feder gegriffen. Mit ihrem neuen Buch präsentiert Groos nun allerdings einen deutlich breiten Querschnitt durch die Gefühlslagen deutscher Soldaten.

Frauen und Männer unterschiedlicher Dienstränge und Truppengattungen berichten über persönliche Ängste, traumatisierende Erlebnisse, schlaflose Nächte und quälende Albträume in den Wochen und Monaten nach einem Einsatz, Belastungen für Ehen und Beziehungen, eigene Motivationen für eine militärische Karriere, die Trauer über gefallene Kameraden und den alltäglichen Dienst in den Einsatzgebieten.

Mitunter fallen diese Schilderungen recht drastisch aus. So erzählt ein Oberstabsarzt, der zusammen mit Heike Groos ein Bombenattentat auf die Bundeswehr im Jahr 2003 in Kabul erlebte, über die Versorgung der Verletzten: "Dann kam das erste gepanzerte Sanitätsfahrzeug und brachte den ersten Schwerverwundeten. Er trug die gleiche Uniform wie ich, wie die meisten von uns, die kleine schwarzrotgoldene Fahne war nur rot, und in einem Hosenbein fehlte das Bein, das Gesicht, in das ich sah, war nicht mehr vorhanden, es steckte ein Schlauch zur Beatmung in dem, was einmal ein Mund gewesen war."

Die Berichte der Soldaten offenbaren aber auch, dass die deutschen Streitkräfte mental entweder gar nicht oder nur höchst unzureichend auf einen Einsatz wie in Afghanistan vorbereitet waren. Dass sie eines Tages in einem Krieg kämpfen müssten, verletzt oder gar getötet werden könnten, hatten etliche der Verfasser bei Eintritt in die Bundeswehr offenbar nicht auf der Rechnung - oder machten sich schlichtweg falsche Vorstellungen von einem solchen Szenario.

Befremdlich wirkt etwa die Aussage eines ehemaligen Soldaten, der nach etlichen Einsätzen und dem Tod mehrerer Kameraden seinen Dienst quittierte und sich einen Beruf suchte, "der weniger gefährlich ist". Er schreibt: "Trotzdem muss ich ehrlicherweise zugeben, dass ich das Abenteuer, die Exotik und die Gefahr auch ein Stück weit vermisse und gerne mal wieder zu einem Einsatz rausfahren würde." Doch so befremdlich solche Eingeständnisse auch sein mögen, so lesenswert machen sie auch das Buch. Es vermittelt einen sehr direkten und ungefilterten Eindruck davon, wie die Frauen und Männer in Uniform "ticken".

Aufschlussreich sind auch die Schilderungen über die Zusammenarbeit der Bundeswehr mit den Soldaten der Nato-Partner in Afghanistan, die sich zwar kameradschaftlich verbunden fühlen, mitunter aber auch sehr unterschiedliche Vorstellungen über die angemessene Vorgehensweise im gemeinsamen Einsatz haben.

Angst vor Benachteiligung

Aufmerken lassen die Ausführungen von Heike Gross zur Entstehungsgeschichte ihres Buches. Sie musste die Erfahrung machen, dass nicht viele der Soldaten, mit denen sie im Kontakt stand, bereit waren, ihre Erfahrungen zu Papier zu bringen. "Sie hatten ganz einfach Angst davor, dienstliche Nachteile zu erleiden und Ärger zu bekommen", schreibt Groos und befürchtet, dass diese Angst berechtigt ist. Das wirft kein gutes Bild auf die Bundeswehr und auf das propagierte Leitbild vom "Staatsbürger in Uniform".

So sind auch nicht alle Texte des Buches mit den Namen der Verfasser gekennzeichnet. Anonym lässt beispielsweise eine Soldatin ihrem Ärger über die Politik freien Lauf: "Es ist ein Scheißgefühl, wenn man von denen nur als Spielball benutzt wird. Jeder von denen interessiert sich nur für seine eigenen Interessen, aber niemand interessiert sich für das Wohl der Soldaten dort unten." Unabhängig davon, ob dieser Vorwurf nun berechtigt ist oder nicht, ernst nehmen sollten die politisch Verantwortlichen die angestauten Frustrationen der Soldaten in jedem Fall.

Heike Gross:

"Das ist auch euer Krieg!" Deutsche Soldaten berichten von ihren Einsätzen.

Krüger Verlag, Frankfurt/M. 2010; 208 S., 18,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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