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Rolf Langhammer
Der Ersatzmotor springt nicht an

KONJUNKTUR II Kann Asien die Weltwirtschaft aus dem tiefen Tal ziehen? Der Westen sollte nicht darauf bauen - die Region kämpft mit eigenen Problemen wie der Überalterung

Richteten sich vor einem Vierteljahrhundert noch alle Augen auf Japan, wenn man auf der Suche nach einer Konjunkturlokomotive für die ins Stocken geratene Weltwirtschaft war, so blickt heute alle Welt auf die Gruppe der asiatischen und pazifischen Schwellen- und Entwicklungsländer. Aber kann die Region die Hoffnungen erfüllen?

Zweifel sind angebracht. Dabei ist die kritische Masse groß. Die Länder, um die es geht, vereinten 2008 etwa 21 Prozent des Weltbruttoinlandsprodukts auf sich, im Vergleich etwa zu 6,4 Prozent für Japan. Zum anderen befinden sich viele Länder dieser Gruppe immer noch in einer Phase des aufholenden Wachstums. Das ist die relativ leichte Phase des Wachstums, verglichen mit der späteren innovationsgetriebenen Phase reifer und alternder Volkswirtschaften. Deren Prototyp ist Japan, das deutlich langsamer wächst.

Triebkräfte des Wachstums

Bis zum Jahr 2007 wurde den asiatischen Schwellenländern bescheinigt, dass sie unabhängige Triebkräfte weltwirtschaftlichen Wachstums geworden sind, dass sie sich seit den achtziger Jahren immer mehr von den zyklischen Schwankungen der Industrieländernachfrage lösen und eigene Zyklen aufbauen konnten. Ihre Beziehungen zu den Entwicklungsländern der Region wurden dabei im Gegenzug immer enger. Aber auch diese Beziehungen sind eben nicht vom Rest der Welt "entkoppelt". Denn der innerasiatische Handel, der in den letzten Jahren vor der Krise sehr zunahm, stützte sich zu großen Teilen auf Zwischengüterlieferungen, an deren Ende bislang immer eine Nachfrage aus den USA oder Europa stand. Ein Einbruch der Exportnachfrage in den westlichen Industriestaaten konnte so bis heute nicht einfach durch mehr innerasiatischen Handel kompensiert werden.

Beherrschbare Risiken

Die jüngsten Prognosen, etwa des Internationalen Währungsfonds (IWF), stützen dabei zwar die These, dass Asien die Weltwirtschaft "zieht". Doch die Risiken, die vom Auslaufen der nationalen Konjunkturprogramme 2011, dem Abbremsen von Überhitzungstendenzen auf verschiedenen Märkten, wie etwa den Immobilienmärkten Chinas oder von außerasiatischen Krisen, wie etwa der Euro-Krise ausgehen, sind groß. Dennoch werden sie in diesen Prognosen als beherrschbar dargestellt, etwa weil die asiatischen Länder erst gering verschuldet sind. In seiner Aprilprognose sieht der IWF für "Developing Asia" das Wachstum im Jahre 2015 bei 8,5 Prozent und für China bei 9,5 Prozent.

Nicht im Widerspruch, aber vor einem anderen Zeithorizont, stehen andere, langfristige Wachstumsprognosen, die unter anderem das Bevölkerungswachstum, die Investitionsquote, die Bildung und die Offenheit von konjunkturpolitischen Maßnahmen berücksichtigen. Sie kommen zu deutlich niedrigeren Wachstumsraten bis zum Jahr 2020. Eine Studie von Deutsche Bank Research aus dem Jahr 2005 zeigt, dass viele asiatische Länder zwischen 2006 und 2020 die Phase des raschen, aufholenden Wachstums verlassen und nur noch durchschnittliche jährliche Wachstumsraten von maximal 5,5 Prozent (Indien), 5,4 Prozent (Malaysia), 5,2 Prozent (China) und 4,5 Prozent (Thailand) aufweisen werden. Damit befinden sich unter den "Top 5-Wachstumszentren" vier asiatische Schwellen- oder Entwicklungsländer - das fünfte Land ist die Türkei. Auch diese Prognose spricht also dafür, dass die künftigen Wachstumszentren in Asien liegen, aber vor einem anderen Zeitfenster und auf einem anderen, viel niedrigeren Niveau.

Halten wir fest: Weder gelang es Asien realwirtschaftlich, als Ersatz für die ausfallende Nachfrage in den USA und Europa einzuspringen, noch konnten sich die Finanz- und Kapitalmärkte asiatischer Länder von den Panikattacken auf den einzelnen Märkten und der Suche nach sicheren Häfen emanzipieren. Und es gibt wenig Anhaltspunkte dafür, dass es in der nächsten Krise anders sein könnte.

Zudem sind an einer "Konjunkturlokomotive Asien" noch aus mindestens vier weiteren Gründen Zweifel angebracht:

1. Es handelt sich um eine Region, die extrem heterogen, politisch vielfach labil und vor allem institutionell nicht im Sinne einer gemeinsamen Politik integriert ist.

2. Die asiatischen Länder verstehen sich nicht als Reparaturbetriebe für westliche Industrieländer. Sie sind sehr wettbewerbsorientiert, also bereit, die nationale Wirtschaftspolitik in den Dienst der Verdrängung westlicher Anbieter auf allen Märkten zu stellen und handeln deshalb stets im eigenen Interesse, und wenn überhaupt als Gruppe, dann nur regional koordiniert aber niemals konzertiert.

3. Sie stehen selbst vor erheblichen national unterschiedlichen Problemen. Es geht um nicht weniger als um die Bewältigung von Strategiewechseln von der Export- zur Binnenorientierung, um die Eindämmung zunehmender regionaler und personaler Einkommensunterschiede und damit um mehr sozialen Ausgleich, um den Schutz vor und die Anpassung an klima- und wetterbedingte Schocks, von denen man annimmt, dass sie die Region besonders hart treffen werden. Hinzu kommt die Bewältigung der demografischen Herausforderungen, der Alterung in China etwa oder dem Kampf um Arbeitsplätze für eine wachsende Zahl junger Menschen in Indien oder Pakistan. Und natürlich um Nahrungsmittelsicherheit, Bildung und soziale Sicherungssysteme.

4. Von ihnen ist wegen der jahrelangen Abschirmung ihrer nationalen Kapital- und Finanzmärkte von den internationalen Märkten und ihrer nur sehr vorsichtigen Öffnung zunächst noch keine aktive Rolle in der monetären Stabilisierung zu erwarten. So verfügen sie noch nicht über eine internationale Währung, die an die Stelle des amerikanischen Dollars treten könnte, sondern sind im Gegensatz wegen ihrer hohen Reserven und der expliziten oder impliziten Akzeptanz des amerikanischen Dollars als Leitwährung in hohem Maße von dessen Volatilitäten betroffen.

Taktgeber beim Wachstum

Mit dem Vordringen Asiens auf allen Märkten tun sich große wachstumspolitische, aber keine konjunkturpolitischen Perspektiven auf. Die grob vereinfachende Metapher vom "asiatischen Jahrhundert" kommt dem näher, worum es geht. Diese Länder werden dank ihrer Größe und Dynamik ein ständiger Taktgeber im globalen Wachstumsrhythmus sein. Von ihnen werden reale und monetäre Schocks und Anpassungszwänge auf die Weltwirtschaft ausgehen. Dagegen dürfte die Frage, ob die Importnachfrage der asiatischen und pazifischen Schwellen- und Entwicklungsländer an die Stelle der USA und oder Europas treten wird, eher nachrangig sein. Sich auf die bevorstehenden Schocks so gut wie möglich vorzubereiten, ist für die westliche Welt viel wichtiger, als darauf zu hoffen, dass Asien eines Tages zum Ersatzmotor werden könnte.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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