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Sabine Pamperrien
Fröhlich grüßt das Vorurteil

Medien Oberflächliche Schelte am politischen Journalismus

Der Hauptstadtjournalismus befindet sich im Zustand der Verwahrlosung. Das zumindest finden die beiden Kommunikationswissenschaftler Leif Kramp und Stephan Weichert nach Gesprächen mit Protagonisten des Berliner Politikbetriebes. Sie stellen sich damit in eine Reihe mit zahlreichen Journalismus-kritischen Büchern, die in den vergangenen Jahren über die Hauptstadtjournalisten bereits erschienen sind.

Kramp und Weichert führten Expertengespräche mit 35 tonangebenden Berichterstattern, politischen Sprechern, Lobbyisten und Kommunikationsberatern. Es geht den Autoren dabei um "die Macht der Themensetzung in der Hauptstadt, um die Risiken und Nebenwirkungen der politischen Kommunikation unter dem Einfluss des Internets und um die professionelle Recherche als Kernbereich des politischen Journalismus", wie sie schreiben.

Hauptstadtjournalisten-Schelte ist groß in Mode. Verwahrlost also, nicht nur nervös, von Eitelkeit und eigener Machtgeilheit oder auch den Folgen tiefster Verunsicherung durch Medienkrise und Internet korrumpiert, wie zuvor Lutz Hachmeister oder Tissy Bruns und Tom Schimmeck resümiert hatten. Es verwundert nicht, dass der Text von Kramp und Weichert stellenweise Déjà-vu-Erfahrungen vermittelt. Die befragten Experten wiederholen all die kleinen und größeren Geschichten von mangelnder Distanz, zuweilen peinlicher Wichtigtuerei und zweifelhaftem Berufsethos, die man bereits aus den anderen Büchern kennt. Die viel zitierte "Christiansenisierung" ist ein so alter Hut, dass den Autoren offenbar nicht einmal mehr geläufig ist, dass die Verlagerung der politischen Debatte vom Bundestag in die Talkshows ein Kritikpunkt war. Kramp und Weichert greifen nun die journalistische Kompetenz von Anne Will, Maybrit Illner und Co. an, weil dieses Talkshow-Prinzip nicht mehr reibungslos funktioniere.

Parteinähe

Und ist das Phänomen, dass Journalisten selbst Politik machen wollen, wirklich so neu? Was war mit Heinz-Klaus Mertes, Gerhard Löwenthal und Co. in den - in der Erinnerung vieler Kritiker - güldenen Zeiten für unabhängigen Journalismus in der Bonner Republik? Immerhin erwähnen die Autoren gewisse Parteiaffinitäten des früheren Personals. Hans-Ulrich Jörges muss auch hier als abschreckendes Beispiel herhalten. Er wurde beim Sonnen mit dem SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach gesichtet. In der Logik der Medienkritiker heißt das, er wolle damit demonstrieren, "wer sich miteinander zeigen möchte - und darf". Ob aus dem gemeinsamen Sonnenbad zu schließen ist, dass Jörges auf SPD-Linie getrimmt ist - oder Lauterbach auf Jörges-Linie oder beide auf Bertelsmann-Linie - bleibt im Dunkeln. Warum haben die Autoren nicht einfach Jörges selbst befragt? Fröhlich grüßt das Vorurteil.

Bei der Lektüre des kurzweiligen Buchs sollte unbedingt im Hinterkopf behalten werden, dass hier Akteure des kritisierten Phänomens "Hauptstadtjournalismus" ganz subjektive Beobachtungen schildern. Die Autoren - Weichert ist Professor, Kramp Dozent an der privaten Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation - flankieren diese subjektiven Einschätzungen nicht mit aktuellen Forschungsergebnissen, sondern werten ebenfalls subjektiv. Es fehlt eine ganze Reflexionsebene - die der Gegenrecherche und Einordnung. Ebenso fehlt Tiefenschärfe. Es wird zwar immer wieder ein besseres Recherche-Ethos angemahnt, aber nicht durch journalistische Beispiele illustriert.

Journalismus im Internet

Was über das Internet, die Bedeutung von Blogs oder den Bürgerjournalismus gesagt wird, ist entweder veraltet, uninformiert oder falsch. Dabei gibt es inzwischen zahlreiche fundierte Studien dazu und auch zu anderen Aspekten des Wandels, dem der Journalismus unterworfen ist. Viele Prognosen der vergangenen Jahre haben sich als unzutreffend erwiesen. Vielleicht ist ja die Rettung des politischen Journalismus die Abkehr vom Meinungsjournalismus hin zur neutralen Berichterstattung angelsächsischen Zuschnitts?

Eine für die Beurteilung des Beziehungsgeflechts zwischen Journalisten und Politikern repräsentative Untersuchung des Empirikers Hans-Mathias Kepplinger wird von Kramp und Weichert erwähnt - vermittelt durch Zitate aus einem Zeitungsartikel über diese Studie. So verweist dieses Buch ganz ungewollt auf eine gewisse Gleichartigkeit der Problemzonen des Journalismus und des ebenso im Wandel begriffenen Wissenschaftsbetriebs. Die Autoren sparen sich aufwändige Recherchen in Originalquellen und kolportieren mediale Verkürzungen. Hauptsache, der Text generiert Aufmerksamkeit. Bei Journalisten ist diese Methode eine krasse Verletzung der Berufsehre, befinden die Wissenschaftler. Alles ist irgendwie plausibel. Aber entspricht es der Realität?

Für Journalisten bietet das Buch wenig Neues über ihren Berufsstand. Überaus interessant ist der Band aber dort, wo er hilft, den Umgang der Politiker der Berliner Republik mit den Medien zu erklären. Die Passagen, in denen die Gesprächspartner zu Wort kommen, bieten sehr aufschlussreiche Blicke in Köpfe und gewiss viel Wahres. Nicht ganz wird man den Eindruck los, dass falsche Voreingenommenheit das Miteinander von Hauptstadtjournalisten und Politikern bestimmt. Könnte es sein, dass die sklavische Fixierung der Politik auf "die Medien" auf Fehlurteilen beruht, die von einigen wenigen "Experten" allzu überzeugend kommuniziert werden?

Leif Kramp, Stephan Weichert:

Die Meinunsmacher. Über die Verwahr-losung des Haupt-stadtjournalismus.

Hoffman und Campe Verlag, Hamburg 2010; 304 S., 20 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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