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Hans-Martin Schönherr-Mann
Orientierung in Zeiten der Desorientierung

POlitische Kultur Oskar Negt wünscht sich den am Gemeinwohl orientierten und aktiven Bürger

Erwachsenenbildung zur Pflicht machen! Das ist wohl die provozierendste Thesen im neuen Buch des Soziologen Oskar Negt. Doch woher nimmt der linke Vordenker die Motivation für eine so dramatische Maßnahme? Eine Partei, die dergleichen fordert, würde sicherlich die nächsten Wahlen verlieren.

Oskar Negt geht von einer weitreichenden Gesellschaftskrise aus, in der vor allem traditionelle kulturelle und soziale Strukturen erodieren. Die Stichworte heißen: ökonomische Globalisierung, Individualisierung, Politikverdrossenheit, die ökologische Krise und nicht zuletzt der Zerfall ethischer Werte, die ihre selbstverständliche Geltung und Orientierungskraft verloren haben. Das klingt nach einem gängigen konservativ-katholischen Lamento. In der Tat bestehen dazu einige Parallelen. Gemeinsam betrachten beide Positionen den Menschen als ein soziales Wesen. Für Negt ist der Mensch politisch, da er seine Individualität nur im Dienst des Gemeinwesens entfalten kann. Betrachtet man dagegen den Untertitel "Demokratie als Lebensform", dann enden die Parallelen zumindest gegenüber der orthodoxen und elitären Position der Amtskirche.

Die Bürger brauchen nämlich für Negt politische Beteiligungschancen. Dazu sollten die technischen Medien beitragen, allerdings schaffen sie heute eher eine "zweite Wirklichkeit", die die Menschen primär mit Illusionen füttert.

Das Internet alleine liefert zwar viele Informationen. Doch dadurch hilft es dem Einzelnen nicht, ein aufgeklärter Weltbürger zu werden. Hierzu braucht es vielmehr politische Urteilskraft, die die Verarbeitung dieser Informationen ermöglicht. Um diese Fähigkeiten zu fördern, fordert Negt die Erwachsenenbildung. Der Bürger müsse in der Lage sein, aus der Vielzahl von Informationen Zusammenhänge herzustellen, um gesellschaftliche und politische Vorgänge kritisch reflektieren zu können. Negts philosophische Orientierungspunkte heißen hierbei Kant, Marx, Adorno und Habermas.

Selbstzerstörung

Negt entwirft die Vision einer Zivilgesellschaft, die sich auf kollektive Lebensformen stützt, die nicht ökonomische Zwecke verfolgen, sich also nicht am Profit orientieren. Solche kollektiven Institutionen ermöglichten den Menschen konkrete politische Teilhabe am Gemeinwesen. Das nennt Negt "Demokratie als Lebensform", die gelernt werden wolle. Sie befreie vom dominierenden Rückzug ins Private, der zur Folge habe, dass die Zeitgenossen ihre kommunikative Kompetenz wie ihren Halt verlieren und letztlich ihre Identität einbüßen mit fatalen Folgen für die sozialen Institutionen. "Wer aber das Gemeinwesen ruiniert, zerstört am Ende sich selbst", meint Negt.

Politische Bildung soll nach Negt deshalb nicht nur die Urteilskraft stärken und zur politischen Partizipation befähigen, sondern in desorientierender Zeit die Identität der Bürger festigen. Der Einzelne könne nur auf die ständig wechselnden Herausforderungen der modernen Zeit flexibel reagieren, wenn er über einen stabilen Identitätskern verfügt. Wer einen derart festen Boden unter den Füßen spüre, vermag sich zudem intensiver ins Berufsleben einzubringen. Dies nütze auch der Wirtschaft.

Autoritären Lösungen, also der Rückkehr zu einer hierarchischen Gesellschaft, die die Mehrheit für weitgehend politisch unmündig erklärte und sie zu Untertanen degradierte, gibt Negt dabei keine Chancen. Demokratie als Lebensform brauche neben diversen Organisationen wie den Gewerkschaften vor allem den politischen Men- schen, den aktiven Bürger, der sich für das Gemeinwohl und damit das Gemeinwesen einsetzt.

Die Erwachsenenbildung soll nach Negt ein lebenslanges Lernen ermöglichen, bei dem es nicht wie heute populär um berufliche Qualifikationen geht, um sogenannte harte Werte, sondern um weiche Werte der Erziehung und Bildung, der Gesundheit und des Wohlergehens der Menschen. Ein System der Erwachsenenbildung soll staatlich finanziert dem öffentlichen Schulsystem gleichgestellt werden und auch durch entsprechende öffentliche Anerkennung gefördert werden.

Europäische Aufgabe

Das stellt längst keine rein nationale Aufgabe dar, oder gar nur eine für die Bundesländer und Kommunen, sondern soll als europäische Aufgabe auch zur europäischen Integration beitragen: "Erwachsenenbildung zu einem europäischen Projekt der kulturellen Selbstfindung der einzelnen Kulturen in einem gemeinsamen Selbstverständnis Europas zu machen, halte ich für einen entscheidenden Posten in der Konstituierung einer demokratischen und zivilen Gesamtordnung Europas", schreibt Negt.

Mit seinem Buch, das einerseits ausführlich die großen Probleme der Zeit diskutiert und diese andererseits aus philosophischer Perspektive beleuchtet, und das man als einen geglückten Versuch angewandter politischer Philosophie bezeichnen kann, geht es Negt durchaus um eine utopische Perspektive. Sie als realistisch zu bezeichnen, bleibt dort problematisch, wo dieser Perspektive ein Menschenbild zugrunde liegt, das sich zwar auf eine Linie von Aristoteles zu Marx und darüber hinaus berufen kann. Doch es möchte den Einzelnen ihre Gemeinwohlorientierung etwas autoritär beibringen. Wäre es nicht angesichts des ständigen Missbrauchs des Wortes Gemeinwohl nötig, das Gemeinwesen aus den diversen realen Perspektiven der beteiligten Menschen neu zu denken?

Oskar Negt:

Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform.

Steidl Verlag, Göttingen 2010; 585 S., 29 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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