Inhalt

CONTRA: ENTWICKLUNG IN AFGHANISTANGastkommentar
Karl Feldmeyer
Gescheitert

Es fällt nicht leicht, dem Westen - also uns selbst - das Scheitern in Afghanistan zu attestieren, aber Fakten lassen sich nicht aus der Welt schaffen, indem man sie leugnet. Je länger die Truppen der Amerikaner und der übrigen Nato-Mitglieder in dem Land stehen, um so deutlicher wird, dass es unmöglich ist, die selbst gesteckten Ziele zu erreichen, nämlich dem Terror seine Basis zu nehmen, Osama bin Laden zu fassen und einen demokratischen Rechtsstaat entstehen zu lassen. Bin Laden ist bis heute frei. Seine Kämpfer sind längst durch die Taliban verstärkt, die von Pakistan aus immer neue Kommandos nach Afghanistan schicken. Das 45-Millionen-Volk der Paschtunen, das beiderseits der afghanisch-pakistanischen Grenze lebt, ist ein schier unerschöpfliches Reservoir, aus dem immer neue Mudschaheddin kommen. Aus vereinzelten Anschlägen sind längst ausgedehnte Kampfhandlungen in weiten Teilen Afghanistans geworden. Je länger unsere Soldaten dort sind, um so größer wird die Zahl der Opfer. Dabei wächst die Zahl der Afghanen, die den westlichen Soldaten feindlich gegenüberstehen.

Schlimmer noch: Die Regierung Karsai, vom Westen eingesetzt und gestützt, ist selbst eine Ursache der Übel, die wir beseitigen wollten: Gewalt, Rauschgifthandel und Korruption. Dank WikiLeaks wissen wir, was ein US-Diplomat dazu nach Washington geschrieben hat: "Wie bekämpft man Korruption, wenn die Schlüsselfiguren der Regierung selbst korrupt sind?" Darauf hat der Westen keine schlüssige Antwort. Die Annahme, Demokratie und Rechtsstaat in eine archaisch-fundamentalistische Stammesgesellschaft islamischer Prägung verpflanzen zu können, hat sich als naiv erwiesen und ist gescheitert. Die Konsequenz kann nur lauten: Abzug.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag