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Ramona Vogel/Enrico Dix
Wie Lahn das »L« von Leipzig nahm

Rückblick Ein Autokennzeichen schrieb ein Kapitel deutsch-deutscher Geschichte

B", "DD" oder "K" kennen fast alle Autofahrer und wissen, dass die Halter der mit diesen Kürzeln etikettierten Fahrzeugen aus Berlin, Dresden oder Köln kommen. Autokennzeichen sind mehr als eine verwaltungsorganisatorische Kennziffer, Autokennzeichen schaffen Zugehörigkeitsgefühl und wirken identitätsstiftend, wie aus einer Studie der Hochschule Heilbronn hervorgeht.

Die Menschen in Ostdeutschland mussten indes bis zur Wiedervereinigung darauf verzichten. In der DDR hatten die Kennzeichen, wie auch heute noch beispielsweise in Italien, keinen Bezug zum Wohnort des Halters. Doch auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs lagen bereits kurz nach der staatlichen Teilung Kennzeichen für die Ost-Kommunen bereit: Ausgehend von einer baldigen Wiedervereinigung Deutschlands, entwickelte das Bonner Verkehrsministerium ab 1949 ein Kennzeichenverzeichnis für Deutschland, das die Gebiete der vorherigen sowjetischen Besatzungszone einschloss. In dem sogenannten Ostzonenverzeichnis wurde beispielsweise "MD" für Magdeburg, "EF" für Erfurt oder auch "L" für Leipzig reserviert. Diese Kennzeichenkürzel sollten folglich nicht an westdeutsche Städte vergeben werden.

"DZ" für Danzig

Über das Gebiet der DDR hinaus umfasste die Liste pro forma auch Gebiete in Pommern, Schlesien und Ostpreußen. So wurde etwa das Kürzel "DZ" für die nunmehr zu Polen gehörende Ostseemetropole Danzig vorgemerkt. Maßgeblich beteiligt an der Erstellung des Verzeichnisses war der damalige Ministerialdirigent der Abteilung Straßenverkehr im Bundesverkehrsministerium, August-Paul Straulino (siehe Infokasten).

Eingeführt - zumindest in der Bundesrepublik - wurden die heutigen Kennzeichen schließlich am 1. Juli 1956, beschlossen aber vor 60 Jahren, zum 1.Januar 1951. Doch die Vergabe der Ortskürzel verlief keineswegs reibungslos. Nicht alle Kreise waren mit den ihnen zugewiesenen Kennzeichen zufrieden. Die Stadt Stade etwa wehrte sich heftig gegen das Kürzel "SD", das durch die Abkürzung für den NS-Reichssicherheitsdienst negativ belegt war. Stade plädierte daraufhin für "ST", das aber schon für das nun polnische Stettin reserviert worden war, und bekam schließlich "STD".

Kunststadt Lahn

Während der Kanzlerschaft Willy Brandts (SPD) verschwand das Ostzonenverzeichnis in den Schubladen. Seine sozialliberale Regierung betrachtete Ende der 1960er Jahre eine baldige Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten als zunehmend unwahrscheinlich. In den 1970er Jahren wurden im Zuge der Kreisgebietsreform der westdeutschen Bundesländer viele der für die DDR-Kommunen reservierten Kennzeichen an westdeutsche Städte und Kreise vergeben. "EI", ursprünglich Eisennach vorbehalten, wurde ans oberbayrische Eichstätt vergeben. "ST", das Stade gern gehabt hätte, bekam Steinfurt bei Münster. Das Ostzonenverzeichnis, so schien es, war in Vergessenheit geraten.

Bei der Vergabe der nun freien Kennzeichen führte das ursprünglich für Leipzig vorgesehene "L" zu besonders scharfen Kontroversen. Die damalige hessische SPD-Landesregierung entschied sich gegen heftigen Protest zur Gründung der Stadt "Lahn". Zum 1. Januar 1977 wurden die Städte Wetzlar, Dillenburg und Gießen mit den dazugehörigen Landkreisen zu einer Verwaltungseinheit zusammengefasst, die dazugehörige Autokennung lautete fortan "L". Das nach dem Fluss Lahn benannte Verwaltungsgebiet, flächenmäßig etwa so groß wie das Saarlandes, zählte annähernd 500.000 Einwohnern. Doch die Bevölkerung des neuen Stadtgebildes wehrte sich hartnäckig gegen den Zusammenschluss. Die traditionelle Rivalität zwischen der ehemaligen Reichstadt Wetzlar und der zehn Kilometer entfernten Universitätsstadt Gießen befeuerte den Konflikt weiter. Schon bei der folgenden Kommunalwahl im März 1977 gelang der CDU daraufhin ein Erdrutschsieg: Im Gebiet der Stadt Lahn steigerte sie sich um stolze 30,2 Prozent und erreichte mit 50,2 Prozent der Stimmen die Mehrheit.

Die L-Frage

Der Streit um die "L-Frage" schlug Wellen bis in die damalige Bundeshauptstadt Bonn. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Paul Gerlach wollte in einer Schriftlichen Frage (8/66) wissen, ob die Bundesregierung seine Auffassung teile, dass mit der Vergabe des ursprünglich für Leipzig reservierten Kennzeichens "L" an Lahn "die Glaubwürdigkeit des Strebens nach Wiedervereinigung beeinträchtigt wird". Die Bundesregierung verneinte dies. Sie wies darauf hin, dass es keine Gesetzes- oder Verwaltungsvorschrift gebe, nach der der Buchstabe "L" als Kfz-Kennzeichen für Leipzig reserviert wurde. Auf Gerlachs Nachfrage, warum denn das "L" dann nicht schon früher vergeben worden sei, stellte der damaligen Parlamentarischen Staatssekretär im Verkehrsministerium, Ernst Haar, fest, dass Kennzeichen mit nur einem Buchstaben vor dem Trennungsstrich großen Städten und Kreisen vorbehalten sei. Hätte es eine entsprechend großen Stadt gegeben, für die der Buchstabe "L" geeignet gewesen wäre, wäre sie berücksichtig worden, aber eine solche "war damals nicht vorhanden".

Nicht aus Leipzig

Das künstliche Stadtgebilde Lahn bestand nur 31 Monate. Unter dem anhaltenden Druck der Öffentlichkeit wurde die Verwaltungseinheit zum 31. Juli 1979 wieder aufgelöst; Gießen wurde aus dem Verbund herausgelöst und die Stadt bekam ihre ursprüngliche KfZ-Kennung "GI" zurück. Doch das "L" wurde weiterhin als Kennzeichen vergeben, nun für den neuen Lahn-Dill-Kreis mit der Kreisstadt Wetzlar, was 1980 im Bundestag den CDU-Abgeordneten Christian Lenzer zu der Schriftlichen Frage (8/3738) veranlasste, was notwendig sei, damit "die ehemals für die Landkreise Wetzlar-Dill-Kreis geltenden Kraftfahrzeugkennzeichen ,WZ' und ,DIL' wieder eingeführt werden können".

Bis 1991 stand indes das "L" für den Lahn-Dill-Kreis, dann musste er es im wiedervereinten Deutschland an Leipzig abgeben und bekam dafür "LDK". Für eine Übergangszeit freilich galt das "L" für den hessischen Kreis als auch für die sächsische Großstadt. Viele Bewohner des Landkreises, betrübt über den Verlust ihres großstädtischen Flairs im Nummernschild, sorgten mit eigener Plakatierung dafür, nicht mit der sächsischen Stadt verwechselt zu werden: Neben ihrem Autokennzeichen prangte der Aufkleber: "L - aber nicht aus Leipzig".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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