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AUFGEKEHRT
Alexander Weinlein
Die allerletzte Institution

Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder", lautete die erschütterte Erkenntnis von Pierre Victurnien Vergniau, als er am 31. Oktober 1793 in Paris zum Schafott geführt wurde. Der Girondist und Abgeordnete des französischen Nationalkonvents war zusammen mit anderen Weggefährten dem Terror der Jakobiner zum Opfer gefallen.

Dass Revolutionen allzu gerne ihre eigenen Kinder fressen, ist seit den Tagen der Französchen Revolution in der Geschichte mehrfach bewiesen wurden. Doch seit vergangener Woche darf die Öffentlichkeit am Bildschirm verfolgen, wie diese historische Gesetzmäßigkeit offenbar ins Gegenteil verkehrt werden soll: Der Revolutionär frisst die Revolution - oder das, was von ihr übriggeblieben ist. Seit Freitag tummelt sich Rainer Langhans, ehemals Symbolfigur der 68er-Bewegung und Mitbewohner der berühmt-berüchtigten Kommune I, mit zehn weiteren B- und C-Promis der RTL-Sendung "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus" im australischen Dschungel.

Immerhin: Die Gage, die der inzwischen 70-jährige Althippie für das kapitalistisch-mediale Kasperletheater mit garantiertem Ekelfaktor einstreicht, beträgt schlappe 50.000 Euro. Und dafür muss Langhans noch nicht nicht einmal Maden und Würmer fressen, wie all die anderen Stars des Prekariat-Fernsehens. Der Mann ist schließlich Veganer.

Aber vielleicht geht es ja weder ums Fressen oder gefressen werden. Vielleicht hat der Kommunarde lediglich konsequent jenen Weg beschritten, den die Revolutions-Ikone Rudi Dutschke propagiert hatte: den Marsch durch die Institutionen. In diesem Sinne ist Langhans dann in der Tat in der wirklich allerletzten Institution des kapitalistischen Systems angekommen. Dort kann er jetzt die "gesamtgesellschaftliche Diskurshoheit" ausüben, von denen die Kinder der Revolution einst träumten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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