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ORTSTERMIN: BEIM SPRACHENDIENST DES BUNDESTAGES
Ramona Vogel
Die Kunst des richtigen Tons

Wer beim Besuch des Sprachendienstes des Bundestages Eigenbrötler in einem mit Wörterbüchern überquellenden Kämmerlein erwartet, wird eines besseren belehrt. "Das ist schon längst nicht mehr so", betonen die Übersetzerinnen Christina Reinicke, zuständig für Französisch und Englisch, und Susanne Viethen, Überprüferin für Englisch und Spanisch. Sie gehören zum achtköpfigen Übersetzerstab des Bundestages. Das klassische Wörterbuch hat offenbar ausgedient. Die Büros werden dominiert von Computern, recherchiert wird im Internet oder in Datenbanken. Niemand versteckt sich hinter Bücherstapeln, die Arbeit im Team ist fester Bestandteil. Übersetzt wird prinzipiell in die eigene Muttersprache, zwei englische Muttersprachler gehören zum Team. "Da ist das Sprachgefühl einfach besser", erklärt Susanne Viethen. Denn den richtigen Ton zu treffen, ist entscheidend. Eine Übersetzung dürfe nie nach Übersetzung klingen. Abgedeckt werden Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch. Für alle anderen Sprachen werden externe Übersetzer beauftragt.

Verantwortlich ist das Team für alles, was es schriftlich in eine Fremdsprache zu übertragen gilt. Anfragen stellen sowohl Bundestagsabgeordnete, die Ausschüsse als auch die Verwaltung. Zuletzt mussten die Übersetzungen des Grundgesetzes aktualisiert werden, so auch Türkisch. Die jährlich rund 2.000 Übersetzungsaufträge umfassen hauptsächlich Korrespondenz, Reden für Bundestagsabgeordnete im Ausland, Berichte der Ausschüsse wie auch die englisch- und französischsprachigen Versionen des Internetauftritts des Bundestags. Wenn Abgeordnete ihren Kollegen im Ausland beispielsweise über die Energiepolitik in Deutschland informieren möchten, müssen auch die entsprechenden Drucksachen übersetzt werden. "So erhalten wir Einblick in ein breites Spektrum an Themengebieten", erklärt Viethen.

Mit der wörtlichen Übertragung in die andere Sprache allein sei es allerdings nicht getan. Zu einer hochwertigen Übersetzung gehöre neben der Überprüfung durch eine zweite Person die Recherche. "Zuletzt hatten wir eine Anfrage an mehrere europäische Parlamente zur jeweiligen Organisation der Invaliditätsrenten. Oder wie in Frankreich die Präimplantationsdiagnostik gesetzlich geregelt ist." Da müsse man sich in die Thematik einarbeiten. Den Text könne man nur richtig übersetzen, wenn man wisse, worum es geht. Nicht nur die Übersetzung von Fachbegriffen sei mitunter schwierig. "Ausdrücke wie ,bildungsferne Schichten' oder ,Migrationshintergrund' lassen sich nur schwer in andere Sprachen übertragen", merkt Viethen an. Am liebsten jedoch betreuen sie die Übersetzung von Broschüren und Veröffentlichungen. Im vergangenen Jahr wurde die Publikation "Das deutsche Parlament" ins Englische und Französische übersetzt. Aber auch ausländische Zeitungsartikel, die sie für Abgeordnete übersetzt. "Es ist interessant zu sehen, welche Themen im Ausland in der öffentlichen Wahrnehmung stehen oder aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden", erklärt Christina Reinicke. Auch an dem in zehn Sprachen verfügbaren Audioguide für die Reichstagskuppel haben beide mitgearbeitet. Bei diesen Arbeiten obliegen den Übersetzern die Steuerung des gesamten Projekts. "Wir koordinieren die externen Übersetzer, Layouter und halten Kontakt zu anderen Referaten." Die Vielfalt der Aufgaben, betonen sie, mache ihren Job besonders interessant.

Zum Beruf des Übersetzers kam Reinicke über die Begeisterung für die französische Lebensart. "Da ich in der DDR aufgewachsen bin, konnte ich nicht nach Frankreich reisen." Auch gab es an ihrer Schule keinen Französisch-Unterricht. Doch Sprache und Kultur des Landes hätten sie schon immer fasziniert. "Später hörte ich mit einem Radio über Langwelle französische Sendungen und habe dann mit großem Enthusiasmus die Sprache gelernt." Übersetzerin wurde sie, da sie es begeisterte, Menschen Texte näher zu bringen, "die sie ansonsten ja tatsächlich nicht verstehen".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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