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AUFGEKEHRT
Alexander Weinlein
Das Ungeheuer ist gelandet

Das Ungeheuer hat die Insel Elba verlassen. Der Räuber landete in der Bucht von Cannes. Der Usurpator ist in Grenoble eingezogen. Der Korse hat zu Lyon die Behörden empfangen. Bonapartes Armee wurde durch die des Marschall Ney verstärkt. Der furchtbare Rivale der Bourbons befindet sich zu Fontainebleau in demselben Gemach, in dem er seine Abdankung unterzeichnete. Seine kaiserliche Hoheit wird noch heute Abend in den Tuilerien sein." Mit diesen satirischen und so ungemein treffenden Worten beschrieb der französische Adlige Étienne-Léon de Lamothe-Langon die Rückkehr des nach Elba verbannten Napoleon Bonaparte und die Wendehals-mentalität vieler seiner Landsleute im Jahr 1815. Napoleons Comeback-Versuch sollte zwar mit der vernichtenden Niederlage bei Waterloo enden, aber immerhin hatte der kleine Korse erneut sein Gespür für den wirklich ganz großen Auftritt bewiesen.

Deutlich weniger Fingerspitzengefühl bewies nun Jean-Claude Duvalier - besser bekannt als "Baby Doc". Über den ehemaligen haitianischen Diktator ließe sich formulieren: "Das Ungeheuer hat das Exil in Frankreich verlassen. Der Räuber landete auf dem Flughafen von Port-au-Prince. Der Usurpator ist in das Hotel ,Karibe' eingezogen. Der furchtbare Sohn von François Duvalier, genannt ,Papa Doc', lässt verlauten, dass er dem geschundenen Haiti ,helfen möchte'. Herr Duvalier wurde verhaftet und stundelang vom Generalstaatsanwalt verhört - ihm werden Mord und Korruption während seiner Amtszeit vorgeworfen. Der Verdächtige wurde wieder auf freien Fuß gesetzt, darf das Land aber nicht verlassen. Es wird geprüft, ob Anklage gegen ihn erhoben wird." Es bleibt zu hoffen, dass auch diese Geschichte mit einem Waterloo und dem Satz endet: "Der verurteilte Verbrecher sitzt im Gefängnis von Port-au-Prince."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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