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ORTSTERMIN: IM BARRIEREFREIEN BUNDESTAG
Ina Brzoska
Eine individuelle Lösung für jeden

Andreas Vierkes größte Sorge galt in den vergangenen Wochen den Räumdiensten. Dass die Zufahrt zur Rampe bei dem Schneechaos am Morgen noch nicht freigeräumt sein könnte. "Diesen Winter läuft es besser als im letzten", sagt er. Der 30-jährige Sachsen-Anhaltiner ist von Geburt an körperbehindert, er trägt eine Unterarmprothese und ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Sein Arbeitgeber, der Deutsche Bundestag, wirbt damit, barrierefrei zu sein. Er muss es kritischen Betrachtern wie Vierke Recht machen.

Nur im öffentlichen Dienst hatte Vierke sich überhaupt Chancen für ein erfülltes Berufsleben ausgerechnet. "Ich wollte alles außer Hartz IV", sagt er. 2006 erhielt er die Zusage für eine Stelle als Bürosachbearbeiter im Petitionsausschuss. Ein Weihnachtsgeschenk, wie er sagt: "Die Nachricht erhielt ich Heiligabend."

Jeden Morgen holt ein Taxi Vierke ab, die Pförtnerin öffnet ihm die Tür, man kennt sich inzwischen gut. "Ich komme sehr gut zurecht", sagt er. Es gibt Treppenlifte, Fahrstühle. Sein Schreibtisch ist automatisch höhenverstellbar, aufgrund seiner Sehschwäche blickt er auf einen 19-Zoll-Bildschirm, damit er sich nicht im Kabel-Chaos verheddert, funkt seine Tastatur. Wenn ein technischer Defekt vorliegt, wird der in kürzester Zeit behoben. "Auf die Männer ist Verlass", lobt Vierke.

235 Schwerbehinderte beschäftigt der Bundestag - bei insgesamt 2.650 Mitarbeitern ist das eine Quote von 8,7 Prozent. Die Zahl der Schwerbehinderten ist zuletzt gestiegen, was nicht nur daran liegt, dass es mehr Neueinstellungen gibt, Mitarbeiter erkranken auch. Sabine Laudahn kümmert sich dann darum, dass sie ein geeignetes Arbeitsumfeld erhalten. "Für jeden wollen wir eine individuelle Lösung finden", sagt sie.

Bei Arbeitsplatzbegehungen wird Sabine Laudahn vom Betriebsarzt und Vertrtern des Arbeitsschutzes begleitet. Dann werden technische Hilfsmittel angefordert: Tastaturen für Blinde, Lupen, Handauflagen oder Lesegeräte mit Webcam. Bei Rollstuhlfahrern beispielsweise ist eine gewisse Quadratmeterzahl vorgeschrieben, damit sie genügend Bewegungsfreiheit haben. Manchmal finden sich auch ganz pragmatische Lösungen: "Wir haben ein Büro, da ist der eine seh- und der andere körperbehindert, die beiden ergänzen sich sehr gut", sagt Laudahn.

Barrierefreiheit wird auch in der virtuellen Welt immer wichtiger. Schwerbehinderte im Bundestag müssen nicht nur täglich im Internet recherchieren oder Mails beantworten. Seh-, hör-, geh- oder lernbehinderte Wähler dürfen auch bei der Partizipation im Netz nicht ausgeschlossen werden.

Als die Aktion Mensch und die Stiftung Digitale Chancen im vergangenen Jahr barrierefreie Webseiten auszeichneten, wurde auch der Bundestag geehrt. Für die Möglichkeit, Petitionen über das Internet beim Petitionsausschuss einzureichen (https://epetitionen.bundestag.de), gab es den Biene-Award in Bronze in der Kategorie Verwaltung.

Wirtschaftsinformatiker der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg und Schwerbehinderte testeten die Website der E-Petition. Abgefragt wurden etwa Schriftgröße, Farbkontraste oder Verständlichkeit der Navigationsbegriffe oder die Abrufbarkeit über die Tastatur. "Die mediale Aufmerksamkeit wächst", weiß Wolfgang Finger, Leiter des Sekretariats des Petitionsausschusses, zu berichten. Seit 2005 ist die Einreichung von Online-Petitionen beim Deutschen Bundestag möglich. Bis zu 20.000 Petitionen erreichen pro Jahr das Parlament. Zu den erfolgreichsten E-Petitionen zählten das Thema Internetzensur (134.000 Mitzeichner) oder das Thema Hebammen (102.000 Mitzeichner).

In solchen Hauptzeiten hat Andreas Vierke ordentlich zu tun, er bearbeitet die Anfragen, die bei den E-Petitionen eingehen, ordnet sie zu, leitet sie an Zuständige weiter. Wie viele Schwerbehinderte sich an den E-Petitionen beteiligen, lässt sich nicht sagen, es gilt der Datenschutz. "Man sollte uns aber nicht unterschätzen", sagt er.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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