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ORTSTERMIN: BEI DER POLITIKER-LAN
Ramona Vogel
»Erleben, worüber wir entscheiden«

Das Image von Computerspielen ist miserabel. Die Spieler: blass, lebensverneinend, abhängig und unfähig zu sozialen Bindungen. Besonders gefährdet sind, so die landläufige Meinung, Spieler von Ego-Shootern, die in der Ich-Perspektive zu virtuellen Soldaten mit dem Auftrag zum Töten mutieren und am Ende die Wirklichkeit nicht mehr vom Spiel unterscheiden können. Insbesondere das Spiel Counter-Strike erlangte traurige Berühmtheit als bevorzugte Freizeitbeschäftigung von späteren Amokläufern.

Nach jedem dieser tragischen Ereignisse werden die Rufe nach einem Verbot solcher Spiele laut. Die Politik müsse reagieren, dürfe eine solche Bedrohung für das Seelenheil der Kinder und Jugendlichen nicht zulassen, heißt es. Doch wo verlaufen die Grenzen zwischen Unterhaltung und Brutalität? Wie spielt man eigentlich Counter-Strike? Und was machen die Kleinen da in ihren Kinderzimmern?

Diese Fragen können nur wenige Eltern oder auch Abgeordnete erschöpfend beantworten. "Politiker sollten öfter selbst erleben, worüber sie entscheiden", findet Jimmy Schulz (FDP). Gemeinsam mit den Abgeordneten Dorothee Bär (CSU) und Manuel Höferlin (FDP) machte er es sich zur Aufgabe, dieses Ziel umzusetzen: Zu dritt organisierten sie die erste Politiker-LAN im Bundestag. Mit Erfolg. Hunderte Besucher, Abgeordnete und Journalisten fanden sich am vergangenen Mittwoch auf der Fraktionsebene des Reichstagsgebäudes, direkt unter der Kuppel, ein. Sie wollten einen Eindruck gewinnen von den neusten Spielen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Vor allem aber wollten sie eines: spielen.

Zahlreiche Spiele standen den Besuchern zur Verfügung: Autorensimulationen, interaktive Bewegungsspiele, Strategiespiele und Klassiker wie Mario Kart. Als eindeutiger Publikumsmagnet erwies sich der Deutschen liebster Sport - die Konsole mit dem Fußballspiel FIFA 11. Auch die Organisatoren, befragt nach ihren Vorlieben in Sachen Computerspiele, gaben übereinstimmend Fußball an. Zu Hause kickt Jimmy Schulz am liebsten mit seinem Sohn, Dorothee Bär mit ihrem Neffen - virtuell natürlich. Manuel Höferlin sucht stattdessen bei der Politiker-LAN die Taste der Konsole, die den Gegner mit einer Grätsche zu Boden zwingt. Fündig wird er selbstverständlich nicht. Auch bei der Rennsimulation läuft es nicht ganz rund, Bärs Rennwagen jagt ins Kiesbett. "Es ist doch nicht so einfach, wie es aussieht", sagt sie und lacht.

Etwas abgelegen vom heiteren Trubel sitzen die Spieler der Electronic Sports League, dem Dachverband für alle Profi-Computerspieler. Sie spielen das umstrittene Counter-Strike, als Profisportler mit Werbeverträgen und Fans. Die Abgeordneten werden von den Spielern über Spielaufbau, Bewegungsabläufe und Strategie aufgeklärt, dann müssen sie sich den Profis stellen. Der FDP-Abgeordnete Burkhardt Müller-Sönksen traut sich "Woran erkenne ich, wer meine Gegner sind?", fragt er. "Daran, dass sie Sie versuchen umzubringen", lautet die Antwort. Es wirkt ein wenig verstörend, wenn sich die gegnerischen Teams "Headshot, gut gemacht!" zurufen. Martin Lump, Mannschaftskapitän, hingegen versteht die Aufregung um Counter-Strike nicht. Wäre das Spiel wirklich so gefährlich, müsste es weit mehr Amokläufe geben. Als Spielsüchtigen würde er sich auch nicht bezeichnen. Er studiert Elektrotechnik und arbeitet ehrenamtlich für die Samariter. "Für mich ist Counter-Strike ein ganz normales Hobby", sagt er.

Seine Einschätzung deckt sich mit aktuellen Forschungsergebnissen, die belegen, dass nur ein Prozent der Spieler suchtgefährdet ist. Bei lediglich 0,8 Prozent könne man von Suchtverhalten sprechen. Dennoch sind Computerspiele nicht zu unterschätzen. In Deutschland machten sie 2010 einen Umsatz von 1,56 Milliarden Euro, insgesamt 57,8 Millionen Spiele wurden verkauft. Ein riesiger Markt, ein entscheidender Faktor im Leben von Jugendlichen. Es brauche, mehr noch als Verbote, "eine Erziehung zur Medienkompetenz", betont Schulz.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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