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AUFGEKEHRT
Eva Goldfuß
Dienstag, als es dunkel blieb

Eigentlich sollte die Arbeitswoche in Berlin an diesem Dienstag richtig in Schwung kommen. Gerade hatten die Mitarbeiter des Bundestages ihre Computer hochgefahren, da war der Tag schon wieder vorbei. Stromausfall. Nicht nur Fraktionen und Verwaltung waren arbeitsunfähig, ohne Strom im Parlament funktionierten nicht einmal die Toiletten. Die Kantine entfloh dem Dilemma und bot ausschließlich kalte Küche an.

Unsere Volksvertreter tappten im Dunkeln, weil, ja warum eigentlich? Die große Stunde der Gerüchteküche! "Das Notstromaggregat wurde mit E10 betankt", lautete eine Vermutung. Vielleicht hat die Kanzlerin höchstpersönlich ihre Finger im Spiel, eine andere. In ihrem benachbarten Amtssitz lief schließlich die vollständige Ersatzstromversorgung. Das machte Frau Merkel verdächtig. Sah sie sich etwa gezwungen, ihre exekutive Gewalt auszuüben? Hat sie dafür gesorgt, dass die Leitungen gekappt wurden? Nach Angriffen auf ihre Regierung - sei es wegen des Festhaltens an Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg, dem wochenlangen Gezerre um Hartz IV oder der stockenden Bundeswehrreform - ein kluger Schachzug, um zu zeigen, wer das Sagen hat. Aber auch diese Vermutung war weit gefehlt. Das Energieunternehmen Vattenfall klärte auf: Ein Bagger hatte bei Bauarbeiten nahe des Potsdamer Platzes die Stromnerven des Bundestages gekappt und ihn in ein lebloses Staatsorgan verwandelt.

Eine eintägige Pause wider Willen. Dann ging der parlamentarische Betrieb wieder ungestört weiter. Bestärkt durch das Wissen, dass ihnen die transparente Decke im Hohen Hause auch bei einem weiteren Stromausfall die Helligkeit der Sonne schenken würde.

Und die Moral von der Geschichte: Am Ende geht doch alle Macht vom Volke aus. Auch wenn sie in der Hand eines einzelnen Baggerführers liegt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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