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Kurz rezensiert
Anne Haeming
Kurz notiert

Ben Ali ist angeklagt, Husni Mubarak steht unter Hausarrest, Muammar al-Gaddafi hält sich wankend und Baschar al-Assad kämpft weiter brutal gegen die Regimegegner an. Die Macht bröckelt in Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien: Die Diktatoren, die sich ins 21. Jahrhundert gerettet haben, stehen unter Druck oder sind gestürzt. Gerade diese Phase des Umsturzes ist entscheidend. Welche Rolle die Herrscher und ihr politisches Vermächtnis auch nach ihrem offiziellen Ende spielen, prägt das jeweilige Land permanent. Als hätte der Verlag Vandenhoeck & Ruprecht es geahnt, entpuppt sich der Sammelband "Der Tod des Diktators" als ideales Handbuch für die aktuelle Großwetterlage im arabischen Raum.

Die Historiker Thomas Großbölting und Rüdiger Schmidt haben in dem Band Beiträge zusammen- gebracht, die das Ende der Ära von Napoleon, Lenin oder Stalin, von Franco, Idi Amin oder Saddam Hussein als Wendepunkt untersuchen: "Der Tod des Diktators stellte jede Diktatur auf eine Bewährungsprobe, in der es darum ging, die aktuelle Gegenwart in ein Verhältnis zur Vergangenheit und zur Zukunft zu setzen", schreiben die Herausgeber.

Egal ob realer Tod oder symbolischer Tod in Form von Herrschaftsende oder Statuensturz: Das Ende eines Regimes definiert, was vom Despoten bleibt. Die Erinnerungskultur kann die Macht des Diktators abschwächen aber auch verlängern, beweisen die Aufsätze. Am beeindruckendsten sind die Texte über das Ende von Slobodan Milosovic und Saddam Hussein. Sie zeigen, welche massiven Probleme der von außen forcierte und inszenierte Sturz von Diktatoren für die Post-Diktatur-Gesellschaften mit sich bringen kann. Auch wenn der Band an keiner Stelle klar definiert , wer genau als "Diktator" gelten kann oder muss, kommen die 15 analysierten "Fall"-Beispiele genau zur richtigen Zeit. Wer die neuralgischen Punkte bei solchen Übergangsprozessen kennt, kann die derzeitigen Umbrüche von Tunesien bis Syrien wie auch deren potenzielle Folgen besser einschätzen.

Thomas Großbölting / Rüdiger Schmidt (Hg.):

Der Tod des Diktators.

Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011; 320 S., 29,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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