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Tatjana Heid
Gemeinsam gegen das Vergessen

GEDENKEN Bundestag erinnert in einer vereinbarten Debatte an den Angriff auf die Sowjetunion vor 70 Jahren

Es war eine der sehr seltenen, sehr einmütigen Stunden im Hohen Hause. Bei der vereinbarten Debatte am Donnerstag zum Gedenken an den 70. Jahrestag des Überfalls Deutschlands und verbündeter Staaten auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 waren sich alle Fraktionen einig: Die Erinnerung an den Angriff dürfe nicht in Vergessenheit geraten, Ähnliches müsse zu allen Zeiten verhindert werden. Gleichzeitig würdigten die Abgeordneten die aktuellen Beziehungen von Russland und Deutschland. Die Oppositionsfraktionen regten weitere Schritte in der Aufarbeitung an.

Ein Opfer in jeder Familie

Der 22. Juni 1941, ein Tag, der massenhaft Leid über die Sowjetunion brachte und hinterher zu der Vertreibung von Millionen Menschen führte. Ein Tag, für den die Verantwortung Deutschlands nie ungeschehen gemacht werden kann, wie Wolfgang Gerhardt (FDP) betonte. In Erinnerung an die "Katastrophengeschichte" müsse Deutschland sich bemühen, in Partnerschaft mit den europäischen Nachbarn zu leben. Und das, sagte Gerhardt, dürfe sich nicht auf die Regierungen beschränken. "Wir müssen täglich ein Stück menschliches Miteinander leben."

Gernot Erler (SPD) nutzte die Debatte zunächst zur nüchternen Aufzählung von Zahlen: 27 Millionen Opfer habe Russland zu beklagen gehabt - das entspräche "einem Trauerfall in praktisch jeder Familie". Fast 5,7 Millionen sowjetische Kriegsgefangene habe es gegeben, von denen 60 Prozent den Krieg nicht überlebten. Ihr Schicksal gehöre nach wie vor zu den "Schattenseiten" in der Aufarbeitung des Überfalls, sagte Erler. Aus der Gefangenschaft kommend seien sie in der Sowjetunion geächtet worden und durch alle Entschädigungen gefallen. Hier müsse Deutschland aktiv werden. "Es wäre gut", schloss Erler, "wenn die heutige Debatte uns alle motivierte, es nicht weiter zuzulassen, dass wir 70 Jahre nach dem 22. Juni 1941 noch von vergessenen Opfern sprechen müssen."

Michael Glos (CSU) nannte die Debatte "eine der berührendsten", denen er je beigewohnt habe. Von allen Seiten sei spürbar, wie einig man sei. Wie schon Gerhardt und Erler vor ihm betonte er die guten Beziehungen von Deutschland und Russland. Beide Länder begegneten sich "in aufrichtiger Freundschaft". Er könne sich vorstellen, dass Russland eines Tages Mitglied der Europäischen Union werde, meinte Glos.

Der Jahrestag des Angriffs auf die Sowjetunion müsse zum Nachdenken anregen, wie man das System des Friedens weiter ausbauen könne, sagte der außenpolitische Sprecher der Linksfraktion, Wolfgang Gehrcke. So müsse etwa die Frage der Visafreiheit gegenüber Russland geklärt werden. Die Grünen-Fraktion sprach sich für weitere Schritte zu einem "noch würdigeren Gedenken" aus, wie Volker Beck es formulierte. So gebe es in Berlin zwar ein Sowjetisches Ehrenmal, jedoch keinen Ort, an dem den Opfern gedacht werde. Auch Beck kam auf das Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener zu sprechen. Er regte eine partei- und fraktionsübergreifende Geste an, um ihnen zu helfen.

Es passte zu der gedämpften, fast feierlichen Stimmung, dass Vizepräsidentin Petra Pau (Die Linke) die Debatte nicht mit der üblichen Formel beenden wollte. Stattdessen gab sie ihrer Hoffnung Ausdruck, dass die Botschaft der Gedenkstunde auch draußen nicht in Vergessenheit gerät.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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