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Parlamentarisches Profil
Hans Krump
Standhafter Energiepolitiker: Thomas Bareiß

Zu den Politikern, die in diesen Wochen eine besondere Kehrtwende vollziehen mussten, gehört Thomas Bareiß (CDU), seit 2010 Koordinator für Energiepolitik der Unions-Bundestagsfraktion. Hatte er vor einem halben Jahr noch deren Energiekonzept mit erarbeitet, wonach längere Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke unumgänglich seien, wurde er wie viele andere Fraktionskollegen vom abrupten Kurswechsel der Regierung Merkel nach der Fukushima-Katastrophe kalt erwischt. Der 36-jährige Abgeordnete, der 2005 und 2009 den südwürttembergischen Bundestags-Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen mit brillanten Ergebnissen direkt gewann, muss nun anderes verkünden: Kürzere AKW-Laufzeiten samt massivem Ausbau erneuerbarer Energien schon bis 2022.

"Das Ganze ist eine große Herausforderung", sagt Bareiß mahnend. Er stimmte dem Gesetzespaket zwar jetzt im Bundestag aus Loyalität zur schwarz-gelben Regierung zu, verhehlt aber nicht seine Skepsis: "Das Gesamtkonzept muss stimmig sein. Wir sollten den Bürgern ehrlich sagen, dass die Kosten für Strom steigen werden. Und wir müssen auch zugeben, dass Ziele wie Versorgungsunabhängigkeit, Versorgungssicherheit, Klimaschutz oder Naturschutz nachrangiger werden." Bareiß beharrt darauf, dass die deutschen Atommeiler trotz Fukushima die "sichersten der Welt" blieben. Ähnlich argumentierte er auch bei der Debatte im März im Bundestag, als er als einziger Unions-Abgeordneter die nur wenige Monate zuvor von der Koalition beschlossene Laufzeit-Verlängerung zu verteidigen wagte.

Der junge Abgeordnete will aber bei der von seiner Parteispitze vorangetriebenen Energiewende nicht abseits stehen. Sie sei auch eine "Chance für einen gesamtgesellschaftlichen Konsens". Er hofft, dass "alle an einem Strang ziehen", wenn demnächst neue Pumpspeicherwerke oder Leitungen gebaut werden müssen, um den Strom von den Windrädern im Norden in den Süden Deutschlands zu transportieren.

Thomas Bareiß gilt als fleißiger, ehrgeiziger und stets verbindlich auftretender Politiker, der seine eigene Meinung gleichwohl nicht so ohne weiteres aus Karrieregründen an der Garderobe abgibt. So attackierte er als Chef der baden-württembergischen Jungen Union (JU) auch schon mal Angela Merkels US-freundliche Irakpolitik oder verweigerte sich 2007 der Gesundheitsreform von Schwarz-Rot. Gegen allzu forsches Aufspüren des Zeitgeistes oder gegen schwarz-grüne Gedankenspiele in seiner Partei sagt er selbstbewusst: "Ich bin konservativ." Dazu gehört für den evangelischen Christen, dass Politiker aus einem Wertefundament heraus handeln und verlässlich wie glaubwürdig sind: "Tagesstimmungen darf man nicht hinterherlaufen."

Politisch geprägt wurde Bareiß in der Wendezeit 1989/90, als er als 14-, 15-Jähriger gebannt im Fernsehen den Prozess der deutschen Einheit verfolgte. "Es hat mir imponiert, wie Menschen die Mauer zum Einsturz brachten." Auch Helmut Kohls Einsatz für die Einheit gefiel dem Gymnasiasten. So trat er 1990 in die JU ein, 1994 in die CDU. Schnell kämpfte er sich beim Parteinachwuchs nach oben und führte die Südwest-JU 2002 bis 2006.

Bareiß kennt auch anderes als Politik. Der Diplom-Betriebswirt arbeitete jahrelang erfolgreich im Management eines heimatlichen Textilunternehmens, bevor er 2005 den Weg in die Politik einschlug. Damals setzte er sich mit jugendlicher Frische überraschend bei einer Wahlkreis-Vertreterversammlung ("ich habe die Ochsentour gemacht") gegen einen erfahrenen Landrat durch und kam so in den Bundestag. Dort sitzt er derzeit im Wirtschafts- und im EU-Ausschuss. Neben der Energiepolitik sind die Türkei und USA weitere Themen für Bareiß, der stets den "Blick auf das Ganze" wahren will und "Nur-Spezialistentum" kritisch sieht.

Wandern in den Bergen und Skifahren bieten dem verheirateten Abgeordneten aus Meßstetten Entspannung vom alltäglichen Politikerstress. Hat Bareiß weitere Ziele, will er in die Exekutive? "Da wo man ist, soll man sein Bestes geben", wehrt der Kreis-chef der CDU Zollernalb ab. Er schätzt die Freiheit eines Abgeordneten. Thomas Bareiß macht gleichwohl den Eindruck, dass man von ihm noch einiges hören wird.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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