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AUFGEKEHRT
Alexander Heinrich
Europa lutscht am Bleistift

Griechenland muss seine Hausaufgaben machen, damit die nächste Tranche fließt. Italien muss Hausaufgaben machen, um sich preiswert mit Krediten eindecken zu können. Eigentlich müssen alle Euroländer nachsitzen, um den Untergang ihrer Währung abzuwenden. Europa blickt in den Abgrund, lutscht am Bleistift - und macht Hausarbeiten.

Finanzexperten schreiben ungebeten Zensuren ins Übungsheft: setzen, Sechs, nachsitzen! Rettungspakete gleichen Trojanischen Pferden, in deren Bauch die Sparkommissare von der Troika lauern. Das nagt am Selbstvertrauen der stolzen Europäer. Über ihnen, am verfinsterten Himmel, schleudern Ratingagenturen mit Blitzen wie ein strafender Zeus.

In jedem Europäer schlummert ein kleiner Faulpelz. Und ein deutscher Finanzminister, der den Faulpelz antreibt: An die Arbeit, aber zack, zack! Schuldenbremse, Stabilitätspakt, Maastricht! Im Minutentakt ploppen neue knifflige Aufgaben auf: Geordnete Insolvenz? Schuldenschnitt? Ein neues Konjunkturpaket, ein neuer Schirm? Finde eine Lösung! Du hast fünf Minuten Zeit! Mache einen Leerverkauf auf der Schlossstraße. Die gehört dir zwar nicht, aber du kannst sie trotzdem verkaufen. Verspekuliert? Dann gehe zurück auf Start!

Es ist ja auch verwirrend. Der Markt, der strenge Disziplinator, spielt mit den Schülern Hase und Igel. Seine strafende Hand bleibt unsichtbar. Sein scharfes Schwert ist der Vertrauensentzug. Wer sich bei Banken verschuldet, um Banken zu retten, die nach den Regeln des Marktes gescheitert sind, hat Chancen auf ein Triple A. Wer sich verschuldet, um nicht marktfähige Staatsbetriebe am Laufen zu halten, ist ein Taugenichts, erhält ein lausiges CCC und vom deutschen Wirtschaftsminister ein vernehmliches "Kuckuck" hinterhergerufen. Europa drückt die Schulbank und macht Hausarbeiten Aber was lernt es?

Aus Politik und Zeitgeschichte

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