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ORTSTERMIN: AM REICHSTAGSUFER
Jan Christian Pinsch
»Sehr bewegend, gerade an diesem Ort«

Abenddämmerung über dem Berliner Regierungsviertel. Die Sonne senkt sich über die Stadt und geht unter. 20 Uhr: Die Fassade des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses wird mit Projektionen erleuchtet, Musik ist zu hören, historische Zitate erklingen. "Schaut auf diese Stadt", ruft Ernst Reuter. "Mister Gorbatschow, tear down this wall", fordert Ronald Reagan. Fußgänger, die am Reichstagsufer entlang gehen, bleiben stehen, schauen hin, sind beeindruckt. Licht, Bild und Ton bilden eine harmonische Atmosphäre.

Gegen 20.30 Uhr wird der Ort endgültig zur Lichtspielbühne. "Dem deutschen Volke - eine parlamentarische Spurensuche. Vom Reichstag zum Bundestag" heißt der fast 20-minütige Film, der bis zum Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober täglich auf dem großen Rundfenster des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses gezeigt wird.

Er beginnt mit der Kaiserzeit Ende des 19. Jahrhunderts und erläutert zunächst den Weg zur Weimarer Republik. Die dann folgenden Minuten zeigen die Machtübernahme der Nationalsozialisten, der Weg ihrer Schreckensherrschaft in den verheerenden Zweiten Weltkrieg und die anschließende Teilung Deutschlands. Der brennende Reichstag, Menschen zwischen Trümmern, Panzer in der Stadt: Die Szenen führen den Zuschauern eine dunkle Zeit vor Augen.

Auf die "Spurensuche" durch die Parlamentsgeschichte, von der auch der Filmtitel spricht, kann man sich direkt vor Ort begeben. Die Geschichtsstunde findet nicht in entfernten Klassenräumen, sondern an einem historischen Schauplatz statt. Dies gilt nicht nur für das Reichstagsgebäude, sondern auch für den Standort des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses. Bis 1989 verlief hier, wie auch am Reichstagsufer, die innerdeutsche Grenze mit Mauer und Todesstreifen. Anstelle von Lichtspielen gab es damals Scheinwerfer auf der Jagd nach Flüchtlingen, statt Tonprojektionen allenfalls Lautsprecherrufe der Mauerwächter. Doch der Film - beziehungsweise der in ihm gezeigte jüngere Teil deutscher Geschichte - endet versöhnlich: Die Mauer fällt, Deutschland feiert die Wiedervereinigung. Das Publikum kann mitverfolgen, wie die Wahl auf Berlin als Regierungssitz fällt und das erweiterte Parlament ins umgebaute Reichstagsgebäude zieht, wie also letztendlich der Ort entsteht, an dem sich die Besucher befinden.

Den Zuschauern gefällt, was sie sehen. Einige von ihnen sind extra für den Film zum Reichstagsufer gekommen, andere kamen zufällig vorbeigeschlendert. Nach der Vorstellung klatschen sie , sind begeistert. Klaus Klenke aus Düsseldorf ist überwältigt: "Ausgezeichneter Film, optisch und technisch exzellent! Sehr bewegend, gerade an diesem Ort." Adriana Gomez aus Kolumbien war ebenfalls berührt, sie musste sogar weinen. "Ich habe kein Wort verstanden, aber ich habe die Gefühle verstanden, da ich weiß, was hier geschehen ist", sagt sie. Nach zwei Wiederholungen klingt die Vorführung mit erneuten Licht- und Tonprojektionen bis 22 Uhr langsam aus. Mittlerweile ist es Nacht über Berlin, der Himmel über der Stadt längst dunkel.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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