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Jörg Biallas
Ein Beitrag zum Dialog

VON JÖRG BIALLAS

Man muss kein Katholik, nicht einmal Christ sein oder überhaupt an einen Gott glauben, um vom Auftritt Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag beeindruckt zu sein. Dieser Papst hat vor dem höchsten vom Volk gewählten Verfassungsorgan eine Rede gehalten, auf die vielerlei Attribute zutreffen: philosophisch, theologisch-analytisch, für manchen sicher auch diskussions-, vielleicht sogar kritikwürdig, in jedem Fall aber intellektuell herausragend.

Abermals hat Benedikt XVI. den Einsatz der Politik für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt betont. Er hat die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats referiert, auf die Verantwortung der Demokratie für ein Leben der Menschheit in Würde verwiesen, die Bedeutung des kulturellen Erbes Europas erläutert. Werte und Ansätze mithin, die jenseits parteipolitischer Präferenzen einvernehmliche Grundlage allen Strebens auch im Deutschen Bundestag sind.

Der souveräne Vortrag macht die von vielen als wenig souverän empfundene Debatte um das Rederecht des Papstes im Parlament vergessen. Es gehört zur Demokratie, dass der Bundestag frei entscheidet, wen er einlädt. Ebenso frei bestimmt jeder Abgeordnete, ob er diesem Gast im Plenum zuhören möchte. Und wer es mit seiner Auffassung von Höflichkeit vereinbaren kann, mag sein Demonstrationsrecht nutzen, um gegen die Anwesenheit des Besuchers zu protestieren. Das entbindet aber nicht von der Pflicht zu respektieren, dass andere den Gast schätzen, mindestens aber bereit sind, ihn zu tolerieren.

Der Besuch von Benedikt XVI. in Deutschland wird noch lange nachhallen. Zustimmung wie Kritik werden mannigfach zu hören sein. Gewiss ist, dass Gesagtes wie auch Ungesagtes die Diskussionen befruchten: über die Ökumene, den Streit zwischen konservativen und reformorientierten Katholiken, über das Verhältnis des Vatikans zum Judentum oder zum Islam, die furchtbaren Fälle von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche.

Insofern war gerade der Auftritt des Papstes im Bundestag im wahren Sinne des Wortes ein Beitrag zum Dialog über politische und gesellschaftliche Fragen. Gibt es einen geeigneteren Ort als den Plenarsaal eines Parlamentes, um für Auseinandersetzung in der Sache zu werben?

Aus Politik und Zeitgeschichte

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