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Monika Pilath
Öl aus der Düse

FLUGZEUGE Die Kabinenluft wird in den Triebwerken angesaugt. Ob Gesundheitsgefahren drohen, ist umstritten

Kopfschmerzen, Atemnot, sogar Lähmungserscheinungen: Was das Vorstandsmitglied der Pilotenvereinigung Cockpit, Jörg Handwerg, als Folge von Schadstoffbelastungen in der Kabinenluft von Flugzeugen beschreibt, klingt beunruhigend. Bei einem Expertengespräch des Tourismusausschusses am vergangenen Mittwoch auf Initiative der Fraktionen der SPD und Bündnis 90/Die Grünen versuchten die Abgeordneten die neuesten Erkenntnisse über solche Gesundheitsgefahren auf Flügen in Erfahrung zu bringen.

Der Journalist Tim van Beveren, der sich nach eigenen Angaben seit Jahren mit dem Thema befasst, erläuterte, dass bei fast allen Verkehrsflugzeugen die Frischluft für das Innere der Maschinen als so genannte Zapfluft über die Triebwerke angesaugt werde. Lecke Öl ins Triebwerk, würden Schwaden des verbrannten Schmierstoffes mit in die Kabinen befördert. Unter anderem befinde sich im Triebwerksöl für Flugzeuge auch die als Nervengift bekannte Chemikalie Trikresylphospat (TCP). Lediglich eine Dichtung trenne mit Öl geschmierte Teile des Triebwerkes von der Kabinenluft, fügte Handwerg hinzu. Es bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass auch der Mix der verschiedenen Stoffe im Öldampf gesundheitsschädlich sein könne.

Einbau von Filtern

Handwerg forderte eine umfassende Untersuchung möglicher Schadstoffbelastungen in der Kabinenluft von Flugzeugen und verlangte Konsequenzen für den Gesundheitsschutz von Passagieren, Piloten und Flugbegleitern. Zudem müssten die Fluggesellschaften zum Einbau von Sensoren zur Messung von Giftstoffen in der Kabinenluft sowie zur Installation entsprechender Filter verpflichtet werden.

Doch ob überhaupt und wenn ja, welche Gefahren für die Gesundheit durch die Luftzufuhr ausgehen, ist umstritten. Die Antworten der Experten auf die Fragen der Abgeordneten vermittelten Widersprüchliches: Während etwa die Forscherin Susan Michaelis einen Zusammenhang von Kabinenluft und gesundheitlichen Beeinträchtigungen sowie der Flugsicherheit bejahte, betonte der Airbus-Experte Andreas Bezold unter Verweis auf "zahlreiche Messungen seit den 90er-Jahren", dass die "Luft an Bord von Verkehrsflugzeugen" von "einwandfreier Qualität" sei.

Öldampf-Vorfälle

Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, Thomas von Randow, sagte, es gebe eine Pflicht für Luftfahrtunternehmen, klar definierte Störungen und Ereignisse im Flugbetrieb an das Luftfahrt-Bundesamt zu melden. Dazu zählten auch so genannte Öldampf-Vorfälle. Er betonte, die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) habe im Mai 2011 zum Thema Kabinenluft festgehalten, dass es bezogen auf die Sicherheit keinen Vorfall gebe, "der eine sofortige oder generelle Vorschriftenänderung rechtfertige".

Susan Michaelis erwiderte, das wahre Ausmaß der Ereignisse mit kontaminierter Kabinenluft könne solange "nicht geklärt werden, wie es keine Warnanlagen an Bord gibt und sich die Luftfahrtindustrie auf ein nicht funktionierendes Meldesystem verlässt, um das wahre Ausmaß des Problems nicht eingestehen zu müssen". Gerade erst hätten Forscher erstmals das Nervengift TCP im Blut von Flugpassagieren nachgewiesen.

Mehrere Abgeordnete stellten in dem Expertengespräch die Überlegung an, die Luft für die Flugzeugkabinen künftig nicht mehr in den Triebwerken abzuzapfen. Schließlich werde auch beim Auto die Luft für die Klimaanlage nicht neben dem Auspuff angesaugt. Tim van Beveren wies darauf hin, dass dies beim neuen Dreamliner Boeing 787 bereits umgesetzt werde. Die Frischluft für das Flugzeuginnere werde bei diesem Typ an der Außenhaut angesaugt.

Der tourismuspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Hans-Joachim Hacker, betonte, aus dem Expertengespräch ergäben "sich zwingende Konsequenzen". Es bestehe ein "offensichtliches Missverhältnis zwischen den Beeinträchtigungen durch kontaminierte Kabinenluft und den tatsächlichen Meldungen an die zuständigen Bundesbehörden". Die Bundesregierung müsse "endlich handeln", sagte Hacker.

Auch der Grünen-Tourismusexperte Markus Tressel hält den bisherigen Umgang nach Ereignissen mit kontaminierter Kabinenluft für "schlicht ungenügend". Bereits im September 2010 habe seine Fraktion die großen deutschen Airlines angeschrieben, um mit ihnen in einen Dialog zu treten. Einzig Germanwings habe daraufhin geantwortet, schreibt Tressel zur Expertenanhörung im Ausschuss.

In der Pflicht

Die tourismuspolitische Sprecherin der Unions-Fraktion, Marlene Mortler (CSU), warnte vor "Panikmache". Gleichwohl müsse die Sicherheit des Luftverkehrs und der Ausschluss gesundheitlicher Gefährdungen gewährleistet werden. "Die Flugzeughersteller und Fluggesellschaften sind dabei gefordert, ihrer Verantwortung gegenüber Passagieren und Crew gerecht zu werden und bei der Suche nach möglichen Ursachen aktiv mitzuhelfen", unterstreicht Mortler. Die Union nehme die Vorwürfe einzelner Personen sehr ernst. Es müsse sichergestellt sein, dass es für die Besatzung und die Passagiere keine gesundheitlichen Gefährdungen durch Schadstoffe in der Kabinenluft gibt. Monika Pilath z

Aus Politik und Zeitgeschichte

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