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Claudia Heine
Kurz notiert

Das sinnlose, millionenfache Sterben des Zweiten Weltkrieges dauerte bis zur allerletzten Minute: Im Winter 1944/45 lässt die SS alle Konzentrationslager evakuieren, die alliierten Truppen in die Hände zu fallen drohen. Schwache und kranke Insassen werden zurückgelassen oder getötet, alle anderen zu Fuß oder mit dem Zug in Lager innerhalb des Reichsgebietes gebracht. Von den über 700.000 Häftlingen, die Anfang Januar 1945 registriert sind, kommen bei diesen sogenannten Todesmärschen 250.000 ums Leben: verhungert, erfroren, erschossen, erschlagen. Oder bei lebendigem Leibe verbrannt - so geschehen bei einem Massaker im altmärkischen Gardelegen. Dort wurden noch am 13. April 1945 über 1.000 Überlebende eines Todesmarsches in eine Scheune gesperrt und verbrannt. Wer zu entkommen versuchte, der wurde von Maschinengewehren niedergeschossen.

Der israelische Historiker Daniel Blatman stellt dieses letzte Kapitel nationalsozialistischer Vernichtungspolitik erstmals umfassend dar. Seine detailreiche Studie ist das Ergebnis jahrelanger Recherche in amerikanische und europäischen Archiven. Eine Pionierarbeit, die anhand vieler Beispiele zeigt: Anders als zuvor spielten sich die Ereignisse nicht mehr im fernen Osteuropa ab , sondern auf deutschen Straßen und Feldern. Und die Mörder stammten nicht mehr nur aus der SS, Polizei oder Wehrmacht. Brutalisiert durch Krieg und NS-Propaganda beteiligten sich viele Zivilisten an den Massakern und der Hatz auf flüchtende "Volksfeinde", ohne, dass es einen eindeutigen, zentralen Mordbefehl aus Berlin gegeben hätte. Im Chaos des untergehenden Staates, als der Verwaltungsapparat längst zusammengebrochen war, haben vielmehr Rachegefühle, Angst und Vorurteile die Menschen dazu getrieben. Auch in Gardelegen. Blatman weist an diesem besonders eindrücklichen Beispiel nach, dass dieses Massaker von dem örtlichen NSDAP-Gauleiter verantwortet wurde, der sich einbildete, die Überlebenden würden Rache nehmen.

Ein schockierendes, wichtiges Buch.

Daniel Blatman:

Die Todesmärsche 1944/45. Das letzte Kapitel des national- sozialistischen Massenmords.

Rowohlt Verlag,

Reinbek 2011; 860 S., 34,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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