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Oliver Bilger
Oligarch auf Stimmenfang

RUSSLAND

Der neueste Kandidat ist gleichzeitig der undurchsichtigste. Michail Prochorow, 46 Jahre alt und mit geschätzten 18 Milliarden Dollar drittreichster Russe, nimmt zum ersten Mal an einer Kremlwahl teil. Die anderen Bewerber um das Amt des Präsidenten sind den Russen vertraut. Nur über den Oligarchen Prochorow rätseln sie, ob er am Ende nicht vom Kreml ins Rennen geschickt ist, um die Stimmen der Protestwähler abzufangen und somit Wladimir Putin die Rückkehr ins oberste Staatsamt zu erleichtern. Prochorows Antwort auf diese Frage hilft kaum weiter: "Das letzte Mal habe ich Putin im April gesehen, und ich habe auch nicht mit ihm telefoniert", sagt er.

In diesem Jahr versuchen alle Kandidaten zur Präsidentenwahl am 4. März mit liberalen Ansätzen bei den Unzufriedenen im Land zu punkten. Mit Vorschlägen von einer stärkeren Korruptionsbekämpfung bis zur Neuwahl des Parlaments wollen sie jene Zehntausende für sich gewinnen, die seit Dezember für faire Wahlen auf die Straße gehen. Selbst Regierungschef Putin präsentiert in diesen Tagen immer neue Ideen für ein moderneres Russland. Doch viele Bürger bezweifeln, dass den schönen Worten später auch große Taten folgen werden.

Ansonsten ist klar, was sie von den Bewerbern zu erwarten haben. Für den Rechtspopulisten Wladimir Schirinowskij ist es bereits die fünfte Kreml-Wahl. Kommunist Gennadij Sjuganow tritt zum vierten Mal an. Sergej Mironow, Chef der Partei "Gerechtes Russland", steht zum zweiten Mal auf dem Stimmzettel. Grigorij Jawlinskij von der oppositionellen Jabloko-Partei hätten viele Protestwähler gerne als Alternative angekreuzt, doch die Wahlleitung ließ ihn erst gar nicht als Kandidaten zu. Zu groß war offenbar die Angst, er könnte Putin in eine Stichwahl zwingen, die das Image des starken Führers schwächen würde.

Nun erklärt Prochorow, er werde gegen Putin in einem zweiten Durchgang antreten. Der Geschäftsmann rechnet mit 15 bis 20 Prozent der Stimmen. Er fordert mehr Konkurrenz in Politik und Wirtschaft. Dass er einerseits Putin schlagen möchte, andererseits aber nicht ausschließt, Regierungschef unter Putin werden zu können, lässt Fragen offen. Davon abgesehen ist kaum zu erwarten, dass die Russen einen Oligarchen zu ihrem Präsidenten machen. In Umfragen kommt Prochorow auf knapp vier Prozent. Auch die anderen Bewerber liegen weit hinter Putin zurück, der derzeit knapp über 50 Prozent der Stimmen liegt. Der nächste Präsident Russlands dürfte damit feststehen. Spannung bereitet nur noch die Frage, wie viele Wahlgänge nötig sind.

Der Autor ist "Handelsblatt"-Korrespondent.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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