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Karl-Otto Sattler
Das Kreuz mit den Ressourcen

Wirtschaft Die Enquete-Kommission »Wachstum« debattiert über das komplizierte Unterfangen, den Rohstoffverbrauch zu senken. Soll der Staat höhere Preise verordnen?

Populär ist so etwas nicht. Klipp und klar verlangt Ernst-Ulrich von Weizsäcker ("Der Markt macht das nicht") eine politisch durchgesetzte, auf lange Sicht angelegte "Erhöhung der Kosten für Energie und Rohstoffe". Nur über Preissteigerungen lässt sich aus Sicht des Umweltfachmanns und einstigen SPD-Abgeordneten aus einer Sackgasse herausfinden: dass eine drastische Reduzierung des Ressourcenverbrauchs zwar technisch zu bewerkstelligen sei, aber einfach keine Fahrt aufnehmen wolle. Für den Ex-Präsidenten des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie ist eine "Verfünffachung der Rohstoffproduktivität" ohne weiteres drin.

Steigender Energieverbrauch

Warum aber, fragte am Montag bei der Diskussion mit von Weizsäcker sowie den Co-Referenten Reinhard Hüttl und Friedel Hütz-Adams in der Enquetekommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" SPD-Obfrau Edelgard Bulmahn, komme dann etwa die Altbausanierung nicht voran? Hüttl, Leiter des Deutschen Geoforschungszentrums, weist darauf hin, dass der Energieverbrauch weltweit in den nächsten Jahrzehnten "um bis zu 40 Prozent zunehmen wird". Weizsäcker kritisiert, "dass wir bisher Energie ohne Ende vergeuden" und nennt einige Beispiele: Die Recyclingquote bei Seltenen Erden liege unter einem Prozent, der Autoverkehr und besonders die Lkw-Logistik seien viel zu billig, das 1,5-Liter-Auto sei technisch möglich, existiere indes nicht, die US-Stadt Atlanta sei flächenmäßig 25mal größer als Barcelona, was mit einem enormen Raum- und Energiebedarf einhergehe.

Der Ressourcenverbrauch nehme immer noch zu. Zwar wachse der Rohstoffkonsum inzwischen langsamer als das Bruttoinlandsprodukt, nötig sei aber eine Verminderung des Ressourceneinsatzes, insistiert von Weizsäcker. Der Grünen-Abgeordnete Hermann Ott hat die Arbeit der von ihm geleiteten Projektgruppe zu diesem Thema von Beginn an unter dieses Leitmotiv gestellt: "Die Senkung des Rohstoffkonsums um 80 Prozent ist eine zentrale Herausforderung des 21. Jahrhunderts." Mit der Debatte über Ressourceneffizienz stößt die Kommission zu einem Kern ihres Auftrags vor.

Zunehmende Effizienz

Preisanhebungen würden Bürger und Wirtschaft keine neuen Bürden auferlegen, wirbt von Weizsäcker: Die zusätzlichen Kosten für den Energie- und Ressourceneinsatz sollen in dem Maße klettern wie die Effizienz zunimmt, zu der auch eine erhebliche Verbesserung des Recycling gehört. Anders formuliert: Einsparungen durch geringeren Verbrauch und Mehrbelastungen durch höhere Preise neutralisieren sich. Zudem will er durch Niedrigtarife für den Grundbedarf soziale Härten vermeiden. Die Verteuerung von Energie und Rohstoffen soll die Ressourceneffizienz beschleunigen, was er mit der Wirtschaftsgeschichte vergleicht: Im Industriezeitalter hätten Lohnsteigerungen eine immer höhere Arbeitsproduktivität erzwungen.

Die politisch verfügte Preisanhebung soll dem "Rebound-Effekt" entgegentreten: dass nämlich Einsparungen durch mehr Effizienz keine Senkung des Energie- und Rohstoffkonsums bewirken, sondern dies durch zusätzlichen Konsum konterkariert wird. Verringert sich der Benzinbedarf bei Autos, so ein Beispiel, dann ergeben sich ohne Treibstoffverteuerung mehr Fahrkilometer. Oder: Als Folge der Wärmedämmung bei Gebäuden weitet sich die Wohnfläche aus. Oder: Wer durch Energieeinsparung mehr Geld in der Tasche hat, bezahlt damit vielleicht Fernreisen mit dem Flugzeug.

Weizsäcker findet viel Zustimmung im Oppositionslager. Doch bei manchen Kommissionsmitgliedern wird auch Kritik laut. Der Sachverständige Karl-Heinz Paqué sieht in der Parallelität zwischen Arbeitsproduktivität und hohen Löhnen einerseits und Ressourceneffizienz durch teure Rohstoffe eine "schiefe Analogie", schließlich schwinge im letzteren Fall der Staat "die Peitsche". Die FDP-Abgeordnete Judith Skudelny zweifelt die These an, der Markt bringe die Ressourceneffizienz nicht voran: Die Fortschritte auf diesem Feld seien hierzulande doch größer als im globalen Maßstab. André Habisch benennt das Verbraucherverhalten als Bremsfaktor: So würden sich Autos mit geringem Benzinbedarf schlechter verkaufen als andere Fahrzeuge. Gerade ältere Leute änderten ungern ihre Gewohnheiten, merkt der Sachverständige an.

Aus Sicht Paqués blendet Weizsäckers Strategie hoher Preise "soziale Kosten" aus, zudem sei zu fragen, ob solche staatlichen Interventionen nicht demokratische Prinzipien gefährdeten. Paqué über das Beispiel Atlanta: "Was ist, wenn die Leute gern im Grünen wohnen und sich nicht in Hochhäuser einpferchen lassen wollen?" Weizsäckers knappe Reaktion: Das in Zeiten billiger Energie entstandene Modell städtischer Ausdehnung in die Fläche sei "nicht nachhaltig, das geht nicht mehr".

Verlagerung Ein gravierendes Dilemma: Hierzulande schreitet die Ressourceneffizienz voran, doch kann sich der Rohstoffverbrauch stattdessen in andere Länder verlagern. So wandern Firmen vielleicht dorthin aus, wo Energie billiger ist. Hüttl verweist auf die Einfuhr von Biomasse wie Holz. Friedel Hütz-Adams vom Südwind-Institut warnt vor dem Import von Halb- oder Fertigwaren, deren Herstellung am Ursprungsort oft mehr Rohstoffe benötige als in hiesigen Gefilden. Weizsäckers Rezept gegen dieses Problem ist ein weltweit abgestimmtes Vorgehen in Richtung Ressourceneffizienz - wobei sich die Mehrheit der Staaten notfalls gegen Bremser wie die USA zusammentun solle.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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